Hier findest du themenbezogene Video-Playlists von der 24-Redaktion zusammengestellt

Szenenbild

I. EINFÜHRUNG: Der Szenenbildner als Stimmungsarchitekt

Prächtig und opulent, verhalten und leise oder eindringlich und beredt – das Szenenbild bestimmt nicht allein das Aussehen eines Films, sondern vor allem seine Atmosphäre sowie dessen kulturelle und geschichtliche Verortung. Es muss in die Filmerzählung einstimmen, sie fortsetzen und den Sinn und Gehalt eines Drehbuchs durch die zu erschaffende Raumgestaltung verstärken. Drehorte sind demzufolge keine neutrale Umgebung, denn sie müssen immer auch etwas über die Filmfiguren erzählen, die in ihr agieren.

Für alles, was man in einem Film, abgesehen von den Schauspielern, sieht, ist deshalb der Szenenbildner zuständig. Er sucht nicht nur reale Drehorte und vorhandene Räumlichkeiten aus, sondern plant und überwacht auch den Bau vollständiger Sets im Freien oder in einem Studio. Vom Grundriss der Räume über das Mobiliar bis zur Zuckerdose auf dem Tisch verantwortet der Szenenbildner als Leiter von Bauten, Ausstattung und Requisiten das ‚Gesicht’ einer Kulisse.

Dank seines Gespürs für Formen, Farben, Linien, Materialien, räumliche Dimensionen und Lichtverhältnisse werden Orte und Gegenstände zu einem Spiegel für Gedanken und Gefühle der Filmfiguren, für ihre Erinnerungen und Erlebtes, Zukünftiges und Mögliches – und dadurch zu einem subtilen Medium, das der Schauspieler in Besitz nehmen muss, um sich seiner Filmrolle noch intensiver anzunähern.


II. WISSEN: Mit dem Gespür für Licht und Räume

II.1 Historische Stationen des Szenenbilds

Eine Vorstufe des Szenenbilds gab es schon, bevor es Film gab. Ausgehend von England verbreiteten sich zwischen 1874 und 1914 fotografische Glasdias, die sog. Laternenbilder, die mittels einer ‚Laterna Magica’ an die Wand projiziert wurden, um Lieder und Erzählungen zu illustrieren. Mit dem Aufstieg des Kinos entwickelte sich sukzessive eine eigene Berufsgruppe, die Filmen nicht nur ihren bildlichen Rahmen verlieh, sondern bis in die 1920er Jahre neben den Kulissen auch maßgeblich die Lichtwirkung und die Arbeit des Kameramannes beeinflusste.

II.2 Hinter den Kulissen – Arbeitsphasen eines Szenenbildners

Jede Filmhandlung braucht ihren Platz, gewisse Requisiten und fast immer Mobiliar. Räume werden betreten, bewohnt oder kurzzeitig aufgesucht und wieder verlassen. Die passenden Drehorte nicht nur aufzuspüren, sondern ihnen auch Charakter, Atmosphäre und die geforderte filmische Bedeutung zu verleihen, ist Aufgabe des Szenenbildners.

Phase 1: Drehbuchlektüre – Als Arbeits- und Diskussionsgrundlage der szenenbildnerischen Arbeit

Auch für die szenenbildnerische Arbeit ist das Drehbuch der Ausgangspunkt gestalterischer Ideen. In den Szenenüberschriften sind z.B. mit Herrenhaus Lahnstein / Esszimmer / Innen / Abend bereits grobe Angaben zu den Örtlichkeiten einer Szene vorgegeben. Diese spärlichen Informationen muss der Szenenbildner mit seiner Fantasie auskleiden und in räumliche Dramaturgie umwandeln. In einem zweiten Schritt gilt es, seine persönlichen Ideen und Raumvorstellungen mit denen des Regisseurs in Einklang zu bringen.

Phase 2: Recherche – In Bibliotheken, Museen, Archiven, Zeitschriften, dem Internet usw.

Zunächst schlüsselt der Szenenbildner die verschiedenen für den Film benötigten Drehorte, die sog. Motive, einzeln auf. Ein 90-minütiger Spielfilm verlangt im Durchschnitt 30 bis 50 unterschiedlich gestaltete Drehorte. Mit Hilfe seiner umfangreichen Motivliste studiert der Szenenbildner dann Quellen und recherchiert die szenische Ausstattung. Dabei sucht er hauptsächlich nach Bildmaterial, um historische, kulturelle und soziale Hintergründe sachgerecht umsetzen zu können.

Abb. 1: Auszug einer Motivliste

Wenn es sich um die Inszenierung privater Wohnräume handelt, genügt nicht allein ein gründlich recherchiertes Zimmer, sondern für die Mischung aus Figur und Schauspieler muss eine stimmige Umgebung kreiert werden.

Phase 3: Vorentwürfe – Eigenschöpferische Anfertigung von Werkstattskizzen, Modellen und Grundrissen

Für die Hauptmotive des Films werden deshalb erste Schaubilder skizziert. Sie dienen als anschauliches Diskussionsmaterial, um sowohl den Ausstattungsaufwand mit der Produktion als auch die Bildvorstellungen mit der Regie und dem Kameramann abstimmen zu können. Gebaute Räume müssen nämlich stets noch die erforderlichen Kamerabewegungen und eine gezielte Lichtsetzung ermöglichen. In diesem Stadium entscheidet sich zudem, ob, was und wie viel im Filmstudio oder an Originalschauplätzen gedreht werden soll.

Phase 4: Motivsuche – In Abstimmung mit Regisseur und Produzent

Abb. 2: Drehort vor der szenenbildnerischen Gestaltung

Parallel zu den Recherchen und ersten Entwürfen beginnt die aufwendige Suche nach geeigneten Drehorten. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur beurteilt der Szenenbildner potenzielle Räume und Motive, legt Schauplätze fest, schätzt deren Einrichtung ab und entscheidet, ob sich die Drehbuchszenen am anvisierten Drehort verfilmen lassen.

Phase 5: Entwurf des Szenenbilds – Als Grundlage der Ausführungs- und Drehplanung

Abb. 3: Szenenbildentwurf

Wenn die Schauplätze gesichert sind, wird jede Szene ein weiteres Mal gründlich ausge-arbeitet. In diesem Stadium sind die Entwürfe oft farbige Schaubilder, mit deren Hilfe z.B. das Farbkonzept mit den Kostüm- und Masken-bildnern abgestimmt und die Drehplanung konkretisiert werden kann. Bei anspruchsvollen Filmprojekten werden sie deshalb zusätzlich durch ‚Storyboards’ ergänzt. Wenn die geplanten Motive von der Regie abgenommen worden sind, tritt der Szenenbildner als künstlerischer Leiter etwas in den Hintergrund und die praktische Umsetzung kann beginnen.

Phase 6: Umsetzung – In den Werkstätten für Schreiner-, Maler-, Schlosser- und Dekorationsgewerke unter der Bauleitung des Architekten

Abb. 4: Technische Skizze

Der Szenenbildentwurf muss dafür so gründlich über den Umfang und die Machart von Bauten, über benötigte Einrichtungen, Requisiten, Spezialkonstruktionen usw. informieren, dass nach seinen Angaben sämtliche Arbeiten in den Werkstätten, im Studio und an den Drehorten ausgeführt werden können.
Da der Szenenbildner weder Architekt noch Bauleiter ist, überwacht er parallel den zeitlichen Rahmen und das Voranschreiten der Arbeiten. Oberste Priorität bei den Dreharbei-ten hat stets die pünktliche Fertigstellung einer Kulisse im vorgegebenen Kostenrahmen. Erst wenn das gewährleistet ist, bleibt Zeit, das Design zu optimieren.

Phase 7: Einrichtung und Requisite – In Zusammenarbeit mit dem Ausstatter und den Requisiteuren

Obwohl dem Szenenbildner mit dem Ausstatter und den Requisiteuren ein fachliches Team zur Seite steht, verantwortet er neben den Bauten auch die Brauchbarkeit der Requisiten und der Einrichtung. Die Requisite ist nämlich im übertragenen Sinne das ‚Gewürz’ einer Szenenkulisse. Details in der Ausstattung und Möblierung von Zimmern können für den Handlungsverlauf sehr bedeutsam sein und dem Zuschauer ganz nebenbei Botschaften vermitteln. Im Idealfall setzen sie Akzente und runden den ‚Look’ der geschaffenen Kulisse ab.

Phase 8: Kosten – Nach Absprache mit dem Produzenten Kalkulation in einem eigenen Ausstattungsetat

Ebenso wie der Kostümbildner hat auch der Szenenbildner einen eigenen Etat zu verantworten, der exakt kalkuliert werden muss. Umso wichtiger ist es, dass jede Arbeitsphase detailliert geplant und dokumentiert wird – immerhin macht der Ausstattungsetat in Deutschland üblicherweise etwa 10% der Produktionskosten aus, bei Ausstattungs- oder Science-Fiction-Filmen ist er sogar deutlich höher.

Abb. 5: Auszug einer Kalkulationstabelle

Phase 9: Dreharbeiten – Vor bzw. in der Kulisse des Szenenbildners

Abb. 6: Fertig gestaltete Kulisse am Drehort

Die Dreharbeiten beginnen mit einer Stellprobe, bei der die geschaffenen Räume erstmals von den Schauspielern in Besitz genommen und ggf. letzte Anpassungen des Motivs durchgeführt werden müssen. Im weiteren Verlauf ist der Szenenbildner ständig unterwegs, um bereits an den folgenden Drehorten den Vorbau zu begleiten und, gemeinsam mit dem Regisseur, Motivabnahmen durchzuführen. Seine Drehtage sind deshalb häufig länger als die des restlichen Filmteams.


III. ANWENDUNG: Motive in Szene setzen

III.1 Rezeptive Filmbildung

  • Die Schüler gewinnen anhand der 24-Interviews mit dem Szenenbildner Christian M. Goldbeck und dem Filmwissenschaftler Rainer Rother Informationen zur historischen Entwicklung des Szenenbilds und erörtern in diesem Zusammenhang, wie sich die Arbeit eines Szenenbildners seit seinen Anfängen gewandelt hat.
    Fragestellungen: Was kennzeichnete das Szenenbild der 1920er Jahre? Welche szenenbildnerischen Aspekte haben bis heute überdauert?

  • Die Schüler ziehen aus einem vorbereiteten Stapel eine Karteikarte, auf der eine historische Zeitangabe wie 1950er Jahre steht. In kleinen Gruppen sollen sie möglichst genau zusammentragen, welcher ‚periodische Abfall’ sich im Mülleimer einer vierköpfigen Familie der entsprechenden Zeit befunden haben könnte.
    Fragestellung: Welche szenenbildnerischen Details lassen sich darüber hinaus für den jeweiligen historischen Zeitabschnitt assoziieren?

III.2 Aktive Filmbildung

  • Die Schüler lesen ein ausgewähltes Drehbuch- oder Romankapitel und legen eine Motivliste für dessen Verfilmung an. Anschließend recherchieren sie mögliche Requisiten und bringen in Erfahrung, wo diese erworben bzw. wie sie hergestellt werden könnten.

  • Für eine Schulparty gestalten die Schüler ihren Klassenraum unter einem zuvor festgelegten Motto um. Dabei sollen die Arbeitsphasen eines Szenenbildners nachvollzogen und sowohl bildlich als auch planerisch dokumentiert werden. > Fragestellungen: Welche besondere Atmosphäre soll hergestellt werden? Welche Beleuchtung muss dafür gewählt werden? Welche Requisiten oder Möbel sind notwendig? Welche finanziellen Mittel stehen zur Verfügung?

IV. WEITERFÜHRENDE LITERATUR UND WEBLINKS

  • www.vierundzwanzig.de/szenenbild (Link zum Gewerk auf 24 mit Interviewclips, Filmausschnitten und Hintergrundinformationen)

  • Eue, Ralph / Jatho, Gabriele (Hrsg.): Schauplätze, Drehorte, Spielräume. Production Design + Film, Berlin 2005. (Ausstellungspublikation der Deutschen Kinemathek Berlin, die besonders das Zusammenspiel verschiedener szenenbildnerischer Elemente anschaulich erklärt)

  • Vision Kino (Hrsg.): Kino trifft Schule-DVD zu Krabat (Didaktische DVD zum Kinofilm mit ausführlichen Texten und Anwendungen zum Themenkomplex Szenenbild)

In Kooperation mit filmportal.de

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Was macht ein Szenenbildner?

Der Szenenbilder (engl. Production Designer) ist mit Ausnahme der Kostüme für das komplette Aussehen eines Films verantwortlich. Seine Aufgabe ist es sowohl, reale Drehorte auszuwählen und sie an den Film anzupassen, als auch den Bau vollständiger Sets im Freien oder im Studio zu planen und zu überwachen. Auch für die Requisiten trägt er die Verantwortung. Beim deutschen Film gibt es nicht dieselbe strenge Hierarchie wie in der US-Filmproduktion. Dort arbeiten mehrere Art Directors unter dem Production Designer. Bühnenbaumeister (Leadman), Setdekorateur (Set Decorator) und Requisiteur (Property Master) haben jeweils ein eigenes Budget mit eigener Budgethoheit. Den endgültigen Look des Films gestaltet der Szenenbildner in enger Abstimmung mit Kostümbild, Kamera und Regie.


Das Video ist der Lehr-DVD "Faszination Film" entnommen, die hier bestellbar ist.