Über die Filmmontage

11.09.2008 | Ein Artikel von Ursula Höf (Mitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Musik/Schnitt/Tongestaltung)

Filmmontage ist eine Kunst, die sich häufig selber unsichtbar macht.
Sie kommen aus einem Film, sind bewegt, berührt, haben viel gelacht oder geweint, sind rundum ausgefüllt von der Geschichte und den Emotionen:

  • Sie haben schöne Bilder gesehen und sagen – oh, die Kamera war aber gut!
  • Sie haben tollen Schauspielern zugeguckt, sind beeindruckt und sagen – die Schauspieler waren so klasse!
  • Der Film hatte viel Musik, die sie mitgerissen hat und sie sagen – was für eine tolle Musik!
  • Der Film hat ihnen einfach gut gefallen und sie sagen – von dem Regisseur, oder der Regisseurin gucke ich mir den nächsten Film auch an!

Was sie sicher seltener sagen:

  • Der Film war gut geschnitten!

Wahrscheinlich haben sie es gar nicht bemerkt. Denn wenn der Film stimmig war, das Timing perfekt, die Lacher gut gesetzt, die Dramatik gut aufgebaut, dann war er gut geschnitten!
Die Montage eines Films soll sie eben durch den Film führen, die Geschichte ist die Hauptsache und das, was sie ausdrücken soll. Die Mittel dazu sollen sie ja gar nicht merken!
Die Mittel der Filmmontage sieht man eher dann, wenn es um Tempo geht, wenn viele Schnitte eine Szene erzählen, oder wenn bewusst Brüche eingesetzt werden.

Ich spreche lieber von der Filmmontage als vom Filmschnitt
Die Frage nach der Arbeit des Filmeditors lautet meistens: „Und du schneidest dann die schlechten Stellen raus?“ Als ob ich einen halbfaulen Apfel vor mir hätte.... „Nein“, sage ich dann, „ich füge die guten Teile zusammen.“

Die Montage – nämlich Auswahl, Timing und Zusammenstellung der gedrehten Aufnahmen, um sie in eine filmische Kontinuität zu bringen – ist ein entscheidender schöpferischer Akt bei der Herstellung eines Films.
Ein Psychologe hat einmal gesagt, dass Filmmontage funktioniert, weil unser Gehirn das Gleiche sowieso jeden Tag tut: Informationen in Teilen aufnehmen, zusammensetzen und bewerten.
Genau das ist Filmmontage: Dinge in Zusammenhänge stellen, die im Ganzen einen Ablauf, eine Geschichte, ein Gefühl bilden.

Film ist Teamarbeit! Beim Dreh werden viele Puzzleteilchen hergestellt, die dann im Schneideraum zusammengesetzt werden. Erst dann entsteht wirklich der Film.
Das gilt übrigens für die Montage von Dokumentarfilmen in noch viel höherem Maße als für Spielfilm, Dokumentarfilme entstehen wirklich erst im Schneideraum. Da liegt oft nur das Thema fest, da gibt es einen Haufen schöner Bilder und viele Interviews und Beobachtungen. Sie zusammenzufügen zu einem spannenden Dokumentarfilm ist dann die Aufgabe von Filmeditor und Regie.

Natürlich ist Montage Regiearbeit, denn durch die Auflösung einer Spielszene, also die Festlegung der Kameraeinstellungen, werden ja schon dramaturgische Entscheidungen getroffen. Genauso ist die Kameraarbeit Regiearbeit und durch Inszenierung und Kameraführung werden Vorentscheidungen für das Tempo eines Films getroffen. Aber entgegen der landläufigen Meinung ist damit der Schnitt noch nicht vorgegeben und selten schneidet ein Regisseur alleine.
Glauben sie also nicht der Legende, dass man „auf Schnitt“ drehen könnte oder sollte. Es wäre unklug, würde man sich der Möglichkeiten der Montage nicht bedienen!

Ein Filmeditor ist derjenige, der mit unverstelltem Blick an das Material geht, zunächst daraus einen so genannten Rohschnitt macht und seine Interpretation mit seinem Können herstellt.
Danach fangen Regie und Filmeditor in gemeinsamer Arbeit an zu diskutieren und zu verwerfen, auszuprobieren und zu verändern.
Filmmontage ist natürlich das Handwerk, einzelne Bilder gut und passend zusammenzufügen. Filmeditoren brauchen ein gutes Rhythmusgefühl, ein großes optisches Gedächtnis, Mut, viele Ideen und Einfühlungsvermögen!

Wichtiges Material für den Filmeditor ist das Spiel der Schauspieler. Wenn die gut sind, ist es ein Genuss, einen Film zu schneiden. Ich lasse mich auf ihr Spiel ein, lasse die Szene von ihnen führen. Ich unterstütze sie mit meinen Entscheidungen, wann wer im On oder im Off ist, also wo ich ihr Sprechen zeige oder ihr Zuhören.
Ich gebe ihnen Raum, verändere ihren Rhythmus nur da, wo es für die Geschichte dringend nötig ist, treibe ihre Emotionen mit meiner Arbeit voran.
Wo setze ich die Großaufnahmen ein, wo die Totalen, wo die Näheren? Ich verbinde die Dialogpartner in einem Bild, oder trenne sie mit den Großaufnahmen. Denn bei vielen Regisseuren habe ich die ganze Szene in verschiedenen Bildgrößen. Dann muss ich entscheiden, in welcher Abfolge, was dramaturgisch richtig ist.

Filmmontage ist vor allem eine dramaturgische Arbeit
Im Schneideraum kommt alles auf den Prüfstand – die Bilder, die Geschichte, die Dramaturgie.
Deshalb kann es auch schon mal passieren, dass man die beim Drehen entstandene filmische Erzählweise und das Tempo völlig verändert.
Der Unterschied zwischen dem Drehbuch und dem fertigen Film kann sehr groß sein. Ein Drehbuch muss auch gut geschrieben und zu lesen sein, ein Film muss vor allem gut anzuschauen sein.

Ein wichtiges Element des Schnitts ist die Unterscheidung zwischen Filmzeit und Realzeit, denn
Film kann ja durch die Montage Zeit und Raum mit einem Schnitt überwinden.
Und Montage macht die Zeit im Film erlebbar, spielt mit verschiedenen Zeitebenen. Für Kinozuschauer sind Abläufe in Realzeit inzwischen häufig langweilig. Je mehr man sich daran gewöhnt hat, bestimmten Abläufen zuzuschauen, um so mehr braucht man nur noch bestimmte Symbole, um diese Abläufe zu verstehen. Man braucht nur noch Teile einer Handlung zu sehen und setzt sich das Ganze im Kopf zusammen.
Genauso schnell kann man den Ort des Geschehens wechseln.
Der eigentliche Faden, der die Geschichte verständlich macht, ist der durchführende Gedanke.

Schließlich der Ton
Vieles, was die Bilder unangenehm macht, ist gar nicht zu sehen, sondern zu hören: plötzliche laute Geräusche, Schreie, ein Schuss, die Musik.
Ton, Off-Texte, die die Hauptfigur außerhalb des Bildes oder über andere Bilder spricht, Musik, die mal als Hintergrundgeräusch funktioniert, mal dramaturgisch in den Vordergrund tritt, mal kommentiert, mal ironisiert – all diese Mittel sind Teil der Filmmontage und werden beim Schnitt mitgedacht und vollzogen. Bild und Ton so zu kombinieren ist der große Spaß und die große Herausforderung der Filmmontage.

Am Ende ist Filmmontage natürlich an das gedrehte Material gebunden, für dessen Herstellung sich der Regisseur auf Grund des Drehbuches entscheidet. Insofern endet die Macht der Montage immer da, wo die dramaturgischen Entscheidungen im Buch gefallen sind.

Ursula Höf (Mitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Musik/Schnitt/Tongestaltung)

Kommentare

#1
Stefanie Wirtz (22.11.2012 20:20)
Mein Lob!
Sehr sehr gut, wirklich ganz toll ge- und beschrieben!
#2
Mirco Lange (08.07.2009 23:54)
Danke!
Danke für diesen Beitrag. Ich muss sagen, man konnte wirklich interessiert lesen und alles gut verstehen. Ich selber habe vor diesen Beruf später nachzugehen und werde oft gefragt, was Filmmontage überhaupt ist. Für mich ist das immer sehr schwer zu beschreiben, doch jetzt habe ich grundliegende Punkte die ich erklären kann. Und wenn mein Gegenüber dann immer noch nicht versteht von was ich spreche, soll er sich diesen Beitrag durchlesen. Sehr schön beschrieben! Jetzt habe ich gleich noch mehr Lust auf Ausbildung und eventuelles Studium! liebe Grüße, Mirco