Die Befindlichkeit des Schauspielers (Teil 2)

25.09.2008 | Ein Artikel von Hartmut Becker (Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Schauspiel)

Das Neueste vom Deutschen Film, oder wie die Jungs aus Hollywood in einer Samstagabend-TV-Rateshow 16 Millionen verarschen. Eine nicht ganz ernst gemeinte Betrachtung.

Da sitzt er nun, der deutsche Film- und Fernsehstar, hockt auf der Armesünderbank, irgendwie zurückgelassen, sitzt also da, der Inbegriff des Deutschen Kinos oder vielmehr das Synonym für den „armen deutschen Film“, der immer noch sein Selbstbewusstsein sucht und nicht wiederfinden kann – obwohl doch schon dreiundsechzig Jahre vergangen sind – sitzt also da und lächelt, grinst ein wenig müde und hilflos und vielleicht auch traurig hinter seiner Maske den fröhlichen „Kandidaten“ entgegen, und die 16 Millionen Fernsehzuschauer (manchmal auch nur 12) sind jetzt bestimmt ganz erschöpft nach dem Quicky, den sie mit den Hollywoodjungs hinter sich gebracht haben, also, schauen erschöpft in die Röhre (im wahrsten Sinne des Wortes) und warten auf eine neue Action; doch die Jungs haben ihre Show längst abgezogen, nachdem sie gekonnt charmant, witzig und cool mit der Oma auf dem Hollywoodstuhl Platz genommen hatten und sind weg; alles is’ vorbei, knallhart abgezogen, im Privatjet zur nächsten „Nummer“ nach Berlin (oder zum Oktoberfest oder sonst wohin) sind sie abgedüst; und das Deutsche Kino – pardon die Starschauspielerin, will sagen, der deutsche Kinostar, den jeder kennt und der nun auf keinem Hollywoodstuhl sitzen darf, obwohl er/sie schon ein paar Mal in Hollywood original drauf gesessenen hat, mit Gary, Yul und/oder Charlton und wie sie alle heißen – hockt nun da, ohne aufzumucken, ohne eine Chance gehabt zu haben, mit den Internationalen ein bisschen englisch parlieren zu dürfen (und damit hätte er/sie wirklich keine Probleme gehabt), also er/sie sitzt da neben dem großartigen, einmaligen, internationalen Showblondi (den man wieder mal eigens für diese großartige, international-geistreiche, erfrischende Show nach Deutschland, also genauer gesagt nach Hannover oder Böblingen oder sonstwohin geholt hat – für viiiiel Geld versteht sich, denn so ein Schloss in Hollywood oder Los Angeles oder Malibu – is’ ja auch egal wo genau – ist verdammt teuer im Unterhalt) und der/die Starschauspieler/in protestiert nicht, nicht ein bisschen, er/sie ist einfach nur komisch-traurig, schnurrt ein paar Statements runter für die Saalmenschen und die Fans und die 16 Millionen (oder ein paar weniger) und hat auch nix dagegen, dass sie/er einen ganzen langweilen Showabend aushalten muss, saudumme „Wetten“ saugut finden muss, während die Hollywoodjungs längst ihren Schampus im Privatjet schlürfen (auf Kosten des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders) und sich totlachen über diese saublöde Show, bei der 16 (oder wieviel auch immer) Millionen wie Kaninchen gebannt auf die Schlangenschau glotzen und sie – die Hollywoodjungs – diese Sechzehnmillion’ mal so richtig „gefickt“ haben (wie man bei uns in den U.S.A. so schön sagt); dabei hätte das Deutsche Kino, will sagen der Deutsche Star, also, diese/r sympathische deutsche Schauspieler/in jetzt die einmalige Gelegenheit, was Knallhartes oder G’scheites oder Intelligentes oder so ähnlich über den „armen deutschen Film“ zu sagen, is’ doch Live diese schnarch-langweilige Show, da kann man doch mal

 

 

© Thomas Straub

 

aufmucken, so wie der Götz damals (der George, der Schimmi und ‚Totmacher’ immerhin), man könnte außerdem auch was über den armen, blöden amerikanischen Film sagen, mit seiner großartigen, genialen Public Relation, aber eben seinen vielen blöden Filmen, so wie Titanic – wo der eine von den coolen Jungs aus Hollywood seine Schmonzette abzieht – oder so wie Schindlers Liste – der zwar genial schwarzweiß fotografiert ist, aber leider auch schwarzweiß thematisch daneben liegt und auf den der ältere von den coolen Boys aus Hollywood mächtig stolz ist – oder so wie dieser bescheuerte Inselfilm, wie hieß der doch gleich, egal, auf jeden Fall total bescheuert, wie ein paar andere Filme auch, die einer in der Runde der Jungs aus Hollywood – gedreht hat, wobei der neue Coup der Siegreichen Drei natürlich ziemlich toll sein soll, und für den machen sie ja schließlich auch diese Reklame in Berlin und vorher in der Provinz und vor den 16 Millionen TV-Kaninchen..., wo war ich?... ach ja, also der Deutsche Film könnte einer sagen, könnte von seiner Einer-wird-gewinnen-Bank aufstehen und sagen: he, halt mal, ich bin auch noch da, mich gibt’s sowieso schon ziemlich lange, in ziemlich guter Qualität sogar, die ham doch alle von mir gelernt die Jungs und sie lernen noch heute, wenn sie nicht gestorben sind, beziehungsweise, wenn sie vorhaben, einen Film für richtige Zuschauer zu machen und nicht für Kaninchen oder Spielautomatenkids oder Action-Schnullergucker oder so, die lernen wie gesagt immer noch von mir, von To Be or Not to Be zum Beispiel und von Der letzte Mann und von Menschen am Sonntag und M oder von Der blaue Engel, und nach der großdeutschen, tausendjährigen Nazikatastrophe ging’s sogar gleich weiter bergauf mit den Filmen im Land (als vieles noch bergab ging), nämlich mit Unter den Brücken, mit Der Untertan, mit Liebe 47, mit Berliner Ballade und der Affäre Blum; o.k. das war nicht so einfach damals, das muss mal gesagt werden, es gab eine Menge Auflagen und Vorsichtsmaßnamen und Reglements nach dem Weltkrieg, dem Zweiten (von den Alliierten zum Beispiel, denn die wollten schließlich nicht nur ihre Kaugummis oder ihre Cola samt ihren Jeans verkaufen, sondern auch ihre Filme – und da waren ’ne Menge doller Knaller drunter – ehrlich), aber: der Deutsche Film war wieder wer, und der Kluge kam aufs Trapez und der Straub und dann der Werner Herzog (später der Fassbinder); ach ja, der deutsche Film war natürlich arm, zu arm irgendwie, doch er rappelte sich langsam wieder hoch, da störten die Heimatschnulzen und Lachnummerfilmchen zwar ganz ordentlich, aber mit denen verdienten ja die Produzenten eine ordentliche Menge Geld und das würden sie ja schließlich in den ordentlichen deutschen Film reinstecken; schade, dass es dann anders kam, wirklich schade, immerhin gab’s noch so was wie Die Brücke, Angst essen Seele auf oder Im Lauf der Zeit oder Liebe Mutter, mir geht es gut; aber kein Geld, furchtbar lange keiiiine Kohle, denn die steckten die meisten Filmbonzen in Immobilien, in Tankstellen oder in weitere Schmonzetten, und die Studios vergammelten, und die Kunst ging am Stock, eigentlich nur die Filmkunst, alle andern rafften sich hoch, reckten ihre Häupter, nur die Filmmenschen und die Kritiker und vor allem die Zuschauer fühlten sich irgendwie ganz winzigklein und unbedeutend, und sobald einer meinte, dieser eine Film (dieser deutsche Film oder schweizerische oder österreichische) sei doch wirklich gut, hat mir doll gefallen, guckten alle übrigen erschrocken, wenn nicht sogar entsetzt aus der Wäsche; und so kam es, dass erst mit dem ersten Oscar der Film wieder eine deutsche Bedeutung kriegte, richtig getrommelt wurde mit dem Blech, aber was tut der Schlöni, er findet, „es gibt keine deutschen Stars“ und so flüchtet er nach Frankreich und Amerika und sonst wohin und sucht und findet und macht ein paar mittelmäßige Filme, schade um die vertane Blechtrommelei, echt schade, aber dann kommt der Wim und langt zu, international, Paris – Texas und so, dazu Der Himmel über Berlin, aber das geht am Ende auch irgendwie schief, die 500 Kopien kriegt er jedenfalls nicht auf die Reihe, irgendwie schielt auch er Richtung Hollywood, obwohl sie ihn da vorher schon mal rausgeekelt hatten, jetzt will er wieder reiiin, über rote Teppiche schweben und so, das is’ schööön, und der Edgar und seine Heimat, was ist damit?, der kriegt nur 3 Kopien (wahrscheinlich nicht mehr), der darf das dann im Fernsehen zeigen, tolles Angebot, also bleibt der Reitz auch stecken im deutschen Minderwertigkeitsgefühlsdusel, und es geht einfach nicht so richtig weiter; stopp – halt: was is’ mit Buck, Wörthmann, Haußmann und all den andern?, klaro, Der bewegte Mann ist ein richtig komischer Film und war richtig erfolgreich und richtig gut, so wie Karnickels oder Wir können auch anders oder Das Experiment; stopp – stopp – stopp – nicht weiter!, ist ja kaum auszuhalten, es geht doch wie man sieht und auch wieder nicht, warum ist das denn so kompliziert?
Ganz einfach: Da sitzt er wieder der deutsche Fernsehfilmstar oder Filmfernsehstar oder der Deutsche Film oder wie Sie wollen und freut sich auf einmal unbändig, denn ein englischer Gentleman-Schauspieler setzt sich neben ihn und lächelt ihn an (auch etwas müde, zugegeben), aber der ist jemand in England und Großbritannien und auch in Hollywood, und der spielt das saudumme Show-Spiel jetzt mit, obwohl, irgendwie merkt man, dass der Übersetzer ihm vielleicht was andres als das gesprochene Einer-wird-gewinnen-Deutsch ins Ohr tutet, aber er harrt aus, er wankt und weicht nicht; Moooment, jedoch nur bis nach seinem Quicky, dann muss auch er zum Flugzeug mitten in der Nacht oder zu den Mädels im Amischlitten oder sonst wohin, und der Filmstar sitzt wieder ganz alleine da, und Blondi rudert immer noch international mit seinen Armen, und die Show ist noch langweiliger als vorher, und das Mädel neben dem Star (die is’ ein kommender Showstar oder so was) die jedenfalls reißt die Augen so weit auf, dass man denkt, sie kullern gleich aus dem Fernseher; der Star aber bzw. der Deutsche Film, respektive das Deutsche Kino ist jetzt um einen Zentimeter geschrumpft und guckt so wehleidig und so ganz ohne Selbstbewusstsein aus der Wäsche wie immer. Fuck.
Hartmut Becker (Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Schauspiel) am 10.10.2008

 

 

 

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