Die Befindlichkeit des Schauspielers (Teil 1)

12.09.2008 | Ein Artikel von Hartmut Becker (Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Schauspiel)

Der große russische Regisseur ANDREJ TARKOWSKIJ (1932-1986) spricht in seinem Buch „Die versiegelte Zeit“ (1984) über die Zusammenarbeit mit dem Filmschauspieler Dinge aus, die man auch heute noch getrost als Schlüssel der Schauspielkunst betrachten darf.

 

 

© Thomas Straub

 

 

Er redet zum Beispiel davon, dass es für den Schauspieler schädlich sei, das Gesamtkonzept der Regie zu kennen, denn der Regisseur strukturiere eine Rolle (Figur) selbst, er räume zwar dem Schauspieler die Freiheit seiner eigenen Interpretation in einzelnen Passagen ein, doch würde der Filmschauspieler seine Rolle selbst strukturieren, würde er sich der Möglichkeit der Spontanität berauben, nicht mehr unbewusst auf vorgegebene Umstände reagieren zu können, die im Regiekonzept enthalten sind.

 

Hier redet Tarkowskij ganz offensichtlich von der Kommunikation zwischen Schauspieler und Regisseur. Eine Kommunikation, die es im Theater allabendlich zwischen Schauspieler und Publikum gibt. Und die sich dort nicht (recht) entfalten kann, wenn die Zuschauer desinteressiert sind, mit Klischees behaftet, wenn sie ganz bestimmte Erwartungen mit einer Aufführung verknüpfen oder einfach nur alltagserschöpft im Sessel ‚hängen’.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit in der Filmbranche zwischen denen hinter und denen vor der Kamera hängt natürlich weitgehend auch von einem kreativen Spannungsfeld ab, das man vielleicht als ein Geheimnis des Zusammenfließens von kreativen Energien bezeichnen könnte.

Und da ist es in der Tat schädlich, wenn der Schauspieler hinter alles Konzeptionelle von Regie, Kamera, Licht, Ton und Ausstattung kommen möchte. Im Gegenteil, er sollte sein geheimes Konzept der zu verkörpernden Figur möglichst bewahren, alle hinter der Kamera damit vielleicht sogar überraschen, zumindest aber eine schöpferische Reibungsfläche damit zu erzeugen versuchen.

Natürlich gibt es die unterschiedlichsten Zeitpunkte bzw. Wege des Austausches dieser ‚Spannungen’. Dem können ausführliche Gespräche über Stoff und Rolle vorausgehen. Sie sind sogar dringlich erwünscht, finden jedoch aus Budget-Gründen kaum noch statt. Ein solches Warming-up, sogar oft mit den Autoren, pflegen englische Produktionen bis zum heutigen Tag. Dabei sind sie logistisch und kostenmäßig gar nicht so schwer herstellbar und bringen enorme Arbeitserleichterungen in Sachen Verständnis und Verständigung.

Aber zurück zum ‚Geheimnis’ zwischen denen vor und hinter der Optik: Das Überraschende, Andersartige, Emotionale des Schauspielers hat schon manche Regisseure und Kameraleute beflügelt, ihnen eine bisweilen sie selbst überraschende Emotionalität abverlangt, ihnen Schübe versetzt, die in ganz neu erfundene Bilder mündeten.

Es gibt Spielführer – wie den Österreicher Peter Patzak – die eine solche ‚egozentrische’ Vorbereitung der Schauspieler geradezu fordern (wie von allen Mitarbeitern), die dann im Arbeitsablauf letztendlich in die eigenen präzisen Vorbereitungen mündet. Und am Ende ist dies dann die Summe der selbst erkannten und für sich formulierten Wege dorthin, vereint mit neuen, frischen, subjektiven Sichtweisen der anderen Beteiligten. Hoffentlich auf das glücklichste verschmolzen zu einem gelungenen einheitlichen Ganzen.

Wenn alles gut geht. - Es kommt aber auch bisweilen zu Verzweifeltheiten bei den Künstlern hinter der Kamera. Es soll ja passieren, dass Schauspieler möglichst nur von ihrer ‚Schokoladenseite’ aus betrachtet werden möchten (das ist dann die eitle Variante des Eigenkonzepts); dann fotografiert ein Kameramann wie Igor Luther zum Beispiel aus Protest und Frust immer von der Nicht-Schokoladenseite. Doch das sind natürlich die unlöblichen Ausnahmen.

Wie wunderbar frei fühlt sich ein Filmdarsteller bei der ersten Stellprobe, im eben betretenen neuen Set, wenn Regie, Kamera, Licht und Ton (möglichst erstmal nur in dieser Zusammensetzung) erwartungsvoll die ersten erfundenen Schritte des Schauspielers beobachten, einzuordnen versuchen und in neue, eben entstehende Bewegungen von Licht und Geräusch verwandeln.

Diesen Zustand der Frische und Naivität weiterhin bis zur letzten Klappe zu erhalten, ist ein anderes, nicht unschwieriges Kapitel. Für alle. Jedoch ganz besonders kräftezehrend für den Schauspieler.

(Fortsetzung folgt)

Hartmut Becker (Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Schauspiel) am 12.09.2008

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