DER UNBEQUEME FILM – DIE ZUKUNFT DES EUROPÄISCHEN INDEPENDENT-KINOS
Die Befindlichkeiten des Schauspielers (Teil 4)
Ein Vortrag von Hartmut Becker auf Einladung der Grünen anlässlich des „Kulturgipfel“ im Paul-Löbe-Haus, Berlin
Anmerkungen & 8 1⁄2 (Zufalls-)Thesen:
Für Filmemacher und Filmkünstler gibt es keinen unbequemen Film. Der Künstler will es sich nicht bequem machen. Kunst ist ein kraftzehrender Prozess des Erfindens und Verwerfens, des Ringens um Entstehung und Vollendung. Und wenn am Ende das Werk gelingt, der Status des ‚Gebärens’ erreicht ist, erfüllt dies den Kreativen mit allergrößter Genugtuung und alle Unbequemlichkeiten sind vergeben und vergessen. Der Erschaffungszeitraum – diese Monate und Jahre des Wachsens eines Projekts – ist dabei angefüllt von Selbstzweifeln, Kritik von außen, ständigem behindert und gestört, irritiert und verunsichert werden. Es ist ein Automatismus des Verwerfens und wieder neu Aufnehmens einer Idee, eines ständigen Vorbereitens und Beendens. Es ist das Einlassen auf die Entstehung von (Film-)Bildern, die eines Tages Wahrheit werden sollen. Auf einer Leinwand: vierundzwanzigmal in der Sekunde. Dann ist er endlich erreicht, der absolute Glückszustand einer Geburt. Am Ende geht alles leicht, ohne Komplikationen. Keine Selbstzweifel mehr, keine Unsicherheiten. Denn die Kunst hat einen Film hervorgebracht, der die Überzeugtheit seiner Macher transportieren wird. Und natürlich sind alle Hervorbringer davon überzeugt und beseelt, dass der Betrachter, der Zuschauende sich darin zu spiegeln vermag, die Wahrheitsfindung seiner Erzeuger nachvollziehen wird.
„Haben Sie Dank für Ihren Film „Spiegel“ - schrieb eine Zuschauerin an Tarkowskij - „genauso sah meine Kindheit aus. Nur, wie haben Sie davon erfahren können?“
Es gibt in Europa kein Independent-Kino. Es gibt keine Banken, die Kinoprojekte vorfinanzieren. Auch keine Privatpersonen. Obskure Steuerabschreibungsprojekte der Vergangenheit hatten mit Filmkunst wenig am Hut. Ohne eine Filmförderung, ohne staatliche Geldgeber, ohne Low-low-Budget-Anstrengungen, ohne einsichtige Politiker gäbe es kaum europäische Filme. Die europäische Filmwirtschaft würde immer wieder den amerikanischen Großprojekten – die mit Raffinesse, Macht und Kalkül den Markt und die Filmtheater diktieren – hoffnungslos hinterher hecheln. Der französische Weg einer Regulierung funktioniert – gepaart mit dem nationalen Stolz und dem Selbstwertgefühl der Franzosen – für den französischen Film ganz gut. Ablesen kann man das im Mai eines jeden Jahres auf dem Filmfestival in Cannes. Dort werden Stars und Macher aus dem eigenen Land auf Augenhöhe mit den internationalen amerikanischen Filmmenschen von den Franzosen wahrgenommen. Davon sind Deutsche, Italiener, Engländer weit entfernt.Welchen Weg soll also der deutsche, der europäische Film gehen, um in ein Wahrnehmungs-Selbstverständnis der Zuschauer aufgenommen zu werden?
Vielleicht sollten es alle Filmkünstler auch wieder mit Andrej Tarkowjkij halten, der sagte: „Man hat mir so lange eingeredet, dass niemand meine Filme brauche und verstehe, dass solche Bekenntnisse meine Seele geradezu wärmten, meinem Tun Sinn verliehen und mich in der Überzeugung bestärkten, dass der von mir eingeschlagene Weg der richtige sei.“
Oder mit Buñuel, der sich nach der Vorführung seines ANDALUSISCHEN HUNDES vor erzürnten Menschen verstecken musste und sein Haus nur noch mit einer Pistole in der Gesäßtasche verließ.
Vielleicht braucht es solche Radikalität, eine solch konsequente Abkehr von allen kommerziellen Überlegungen, um große Kunst zu erschaffen. Denn der Künstler muss die unbequeme Wahrheit, die tiefsten seelischen Nöte, die höchsten Gefühle von Glück oder Erkenntnis aus sich selbst heraus erfinden. Erst wenn ihm das gelingt, erkennt ein Zuschauer den Spiegel, der ihn erschauern, weinen oder lachen lässt. Erst dann wird Filmkunst für die Gesellschaft unverzichtbar. Notwendiger als all die überflüssigen Luxusgüter, die ihm als Notwendigkeit aufgeschwatzt werden. Und dann wächst vielleicht auch eine große Sehnsucht oder ein Bedürfnis danach, Kunst über den Künstler, den Filmschauspieler (den Helden der wahren Kunst- geschichten) berühren, bewundern (oder auch hassen) zu wollen.
These 1: Kinofilmkunst hat nichts mit Authentizität zu tun (der Dokumentarfilm schon eher)
These 2: Politik – als zielgerichtetes Verhalten (oder der Lehre von der Staatsführung) – sollte die Notwendigkeit der (Film-)Kunst mindestens so hoch hängen, wie manch andere weniger populäre Kunstform (u.a. auch in der finanziellen Unterstützung)
These 3: Filmkünstler und Politiker sollten ein vielfältiges gemeinsames Podium finden, um die ständige Neudefinition des Kinos - und ähnlicher Medien – immer wieder zu diskutieren (der Dialog zwischen Bundesinnenministerium und Deutscher Filmakademie z.B. ist ein junger, nochfrischer, aber richtiger Weg)
These 4: Kino ist nicht Popcorn und Popcorn ist nicht Kino
These 5: man sollte mehr Filme in den USA/Asien/Afrika/Neuseeland undsoweiter drehen, die zutiefst deutsch/europäisch sind – dies aber nicht um touristische Folklore zu produzieren – sondern um Wahrheiten auf einer (Film-)‚Forschungsgreise’ zu sammeln
These 6: die Liebe zum Kino ist eine Liebe ohne Tabu
These 7: vulgärer Symbolismus ist ein Dolchstoß in den Rücken des Kinos
These 8 1⁄2: NOSTALGHIA (Tarkowskij), LA NOTTE (Antonioni), 8 1⁄2 (Fellini),ETERNAL LOVE / DER KÖNIG VON BERNINA (Lubitsch), GEGEN DIE WAND (Akin) – und einige Filme mehr – sind der Balsam des europäischen Kinos

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