Mennan Yapo: «Pick your battles»: Erfahrungen eines deutschen Hollywood-Regisseurs
Der folgende Artikel ist dem neu erschienenen Buch 'Guru Talk. Die Deutsche Filmindustrie im 21. Jahrhundert' von Thorsten Henning-Thurau und Victor Henning entnommen, in dem verschiedene deutsche Filmschaffende über ihre Erfahrungen im Kinobusiness sprechen. Zur Bestellung klicken Sie bitte auf das Buchcover.
Mennan Yapo, geboren 1966 in München, ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Nach einer ersten Karriere als DJ arbeitete er als Marketing-Assistent und -Leiter bei Senator Film, bevor er zum Verleiher Prokino wechselte. Sein erster Kurzfilm FRAMED wurde für den Deutschen Filmpreis 1999 nominiert; seine zweite Regiearbeit, der Thriller LAUTLOS, wurde von X Filme produziert und öffnete ihm die Tür nach Hollywood. Sein jüngster Film PREMONITION, ausgestattet mit einem Budget von 20 Millionen Dollar und mit Sandra Bullock in der Hauptrolle, spielte für Sony Pictures/MGM an den Kinokassen weltweit über 80 Millionen Dollar ein.
1 Berufe: Disc Jockey und Marketingassistent
Der Weg, den ich bis zu meinem jüngsten Kinoprojekt PREMONITION – DIE VORAHNUNG gegangen bin, ist eher ein kurioser. Ich bin in München aufgewachsen. Bei meinem ersten Discothekenbesuch, 1980/1981, habe ich einen DJ gesehen, der die gerade aufkeimenden Rap-Songs imposant mixen und scratchen konnte. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich: Ich war so beeindruckt, dass ich mich voll auf meine Berufung als DJ konzentrierte. So aufregend diese Zeit und die ersten guten Einnahmen durch diesen Beruf auch waren, mit 23 habe ich gemerkt, dass dies nicht alles gewesen sein kann.
Eher zufällig bin ich zu jener Zeit auf eine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung gestoßen. Da wurde ein Marketingassistent gesucht, vermerkt mit dem Zusatz, dass auch Berufsanfänger gefragt seien. Natürlich waren damit ausgebildete Marketingassistenten gemeint, aber ich habe mich dennoch beworben. Nur einen Tag später erhielt ich einen Anruf: «Wir haben mehr als 300 Bewerbungen erhalten, aber Ihre ist die Interessanteste.» Allerings könne man mir aufgrund der fehlenden Ausbildung lediglich einen Praktikantenjob anbieten. Dafür sollte es – in meinem speziellen Fall, da ich schon etwas älter war – 900 Mark im Monat geben – dabei hatte ich wenige Monate zuvor mit meinem Job als DJ noch das Sieben- oder Achtfache verdient. Ich habe das Angebot trotzdem angenommen, da diese Herausforderung verlockend klang. Vom Botengang in die Reinigung bis zum Versand der neuen Filmplakate waren vorerst die einfachen Arbeiten mein Ressort. Aber ich habe sofort kreative Jobs an mich gerissen, Bilder in dreißig Größen kopiert, mit Schriftbildern und -arten experimentiert und daraus neue Plakate auf meinem heimischen Fußboden entworfen.
2 Berufung: Filmemacher
Nach nur wenigen Monaten im neuen Beruf hatte ich mein zweites einschneidendes Erlebnis. Ich sah einen Film am Donnerstagabend, der mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann zog und nicht mehr losließ. Ich lief die ganze Nacht durch die Straßen, wusste nicht wie mir geschieht und ging am Morgen wieder arbeiten. Stunden später saß ich wieder im selben Film, um herauszufinden, was mich so fasziniert hatte. Noch an diesem Abend stand meine Entscheidung fest: Ich musste Filmemacher werden. Natürlich musste ich herausfinden, wie ich dieses Interesse durch Kompetenzen untermauern könnte. Da gab es die Filmhochschule in München, die HFF, die zu dem Zeitpunkt bereits einen guten Ruf hatte, aber nochmals die Schulbank zu drücken kam nicht in Frage. Ich entschied mich für die autodidaktische Schule: Ich nahm mir vor, mir das Filmemachen selbst beizubringen, auch wenn ich wusste, dass es auf diese Weise viel härter, schwieriger und langwieriger werden würde – aber vielleicht auch ehrlicher. Es würden keine strukturellen Instanzen existieren, wie es sie in Hochschulen gibt, die einen auffangen könnten, also musste ich sehr viel Selbstdisziplin aufbringen.
3 Gehversuche: Meeting Dieter Kosslick
Ich habe angefangen, neben den herkömmlichen Lehrbüchern, Drehbücher zu lesen, täglich zwei bis drei Filme zu analysieren, selbst zu schreiben und ständig an Filmsets alle möglichen Assistenzjobs zu übernehmen. Die folgenden achteinhalb Jahre habe ich 25 Drehbücher geschrieben, von denen ich alle wieder verbrannt habe – außer einem einzigen. Das eine Drehbuch, das meinem Perfektionsstreben nicht zum Opfer fiel, sollte einmal indirekt dazu führen, dass ich meinen ersten Kurzfilm drehen konnte. Irgendwann ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dieter Kosslick, der damals noch die Filmstiftung in Nordrhein-Westfalen leitete und mittlerweile Chef der Berlinale ist. Er schien angetan von meiner unkonventionellen Art und meinte, ich solle ihm doch mal eines meiner Drehbücher schicken. Da nur noch eines übrig geblieben war, bekam er eben dieses. Ich war sehr erstaunt, dass innerhalb von vierzehn Tagen seine Assistentin anrief und sagte: «Herr Kosslick ist um so-und-soviel Uhr im Bayerischen Hof und hat fünf Minuten für Sie». Solche Anrufe kannte ich bis dahin nur aus Hollywoodfilmen wie THE PLAYER! Wir trafen uns also tatsächlich und er offenbarte mir, dass es das schlechteste Drehbuch sei, das er je gelesen hätte. Aber er hätte die Idee dahinter verstanden, und die sei großartig.
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4 Theorie und Praxis: Filmvermarktung bei Prokino und der Kurzfilm FRAMED
Ich habe daraufhin auch dieses Drehbuch verworfen: Von meinem Wunsch, den ersten eigenen Film zu drehen, wollte ich mich aber nicht abbringen lassen. Kurz darauf unterbreitete mir Torsten Lippstock, den ich zu dieser Zeit schon ein paar Jahre kannte und der bereits ausgebildeter Kameramann war, ein Kurzfilmprojekt namens FILMRISS. Er, der Autor Wolfgang Knauer und ich entwickelten aus dieser Vorlage dann das Konzept für FRAMED. Die Arbeiten am Drehbuch dauerten länger, da ich nur nebenberuflich an der Finanzierung und Fertigstellung dieses Projekts arbeiten konnte, schließlich war ich in meinem «richtigen» Beruf für die Vermarktungskampagnen anderer Filme, mittlerweile bei Prokino zuständig.
Bei der Arbeit an der Kampagne für LOLA RENNT, (X Filme hatte 1998 noch keinen eigenen Verleih hatte, so dass Prokino die Herausbringung von LOLA RENNT übernahm) machte ich die Bekanntschaft mit Tom Tykwer und Stefan Arndt, aus der eine richtige Freundschaft wurde. Diese beiden gefestigten Größen der deutschen Kinolandschaft bekräftigten mich schon zu dieser Zeit darin, dass ich meine eigenen Projekte realisieren müsste. Ich arbeitete nachts parallel intensiv an dem Drehbuch zu FRAMED, habe versucht, Schauspieler zu gewinnen und die Finanzierung anzuschieben.
Durch Tom Tykwer lernte ich Ulrich Matthes kennen, der in Tykwers WINTERSCHLÄFER eine Hauptrolle gespielt hatte. Mir war klar, dass ich Uli Matthes für meinen Kurzfilm gewinnen musste. Jeder hielt mich für verrückt, einen angesagten deutschen Schauspieler für einen Erstlings-Kurzfilm bekommen zu wollen. Wie sich später herausstellen sollte, habe ich letztlich vier der sechs Rollen von FRAMED mit Herbert Knaup, Götz Otto, Lisa Martinek und eben Ulrich Matthes besetzten können.
Für Kurzfilme das nötige Geld zu organisieren ist immer eine mühsame Sache. Zudem setzte das Konzept eine aufwändige Inszenierung voraus und sollte 150.000 DM kosten, was für einen Kurzfilm unglaublich viel Geld ist. [...] Aber nachdem die Förderungen eingestiegen waren und NDR, ARTE und 13th Street als Co-Produzenten unterschrieben hatten, war klar, dass dieses Projekt professionell realisiert werden konnte. So fügte sich im Januar 1999 alles zusammen, und wir konnten in neun Drehtagen bzw. fünf Tagen und vier Nächten FRAMED aufnehmen. Als der Film fertig gestellt war, haben wir FRAMED für den Deutschen Kurzfilmpreis 1999 angemeldet und sind trotz der 400 eingereichten Filme in die Riege der acht Nominierten aufgenommen worden – sieben Filmhochschüler und ich. Das war ein lustiges Schauspiel, als wir nach Bonn zur Preisverleihung gefahren sind und als unkonventioneller Außenseiter an diesem prestigeträchtigen Wettbewerb teilnahmen. Uns war klar, dass wir nicht gewinnen würden, aber es war eine witzige Erfahrung und natürlich eine Ehre, nominiert zu sein.
5 Großes Kino, erster Teil: LAUTLOS
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon eine grobe Skizze für einen Kinofilm im Kopf. Ich war mir sicher, die Geschichte des einsamsten Menschen der Welt erzählen zu wollen. Tom Tykwer und Stefan Arndt hatten den Kurzfilm gesehen und waren bereit, sich meine Filmidee anzuhören – die vom Auftragskiller, der sich verliebt und für den sich dadurch alles auf den Kopf stellt. Den beiden gefiel das Konzept, und mir wurde Joachim Król für die Hauptrolle vorgeschlagen. Zuerst war ich über diesen Vorschlag etwas verdutzt, doch diese interessante Gegenbesetzung würde einen wichtigen Aspekt der Rolle besonders hervortreten lassen. Die warmen Augen und seine Gutmütigkeit würden das Klischee des gefühlskalten Killers gut konterkarieren können. [...]
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Wir begannen im Sommer 2002 mit dem Dreh und im November 2002 mit dem Schnitt. Allein der Starttermin im April 2004 zeigt, dass ich sehr lange Zeit an der Fertigstellung dieses Films gesessen habe. Das ist eine Marotte von mir, die mir auch in Hollywood Schwierigkeiten bereitet hat. Mir ist wichtig, dass bei jedem Film der optimale Rhythmus gefunden wird und ich nichts übersehe. Schon bei FRAMED und im Prinzip auch bei PREMONITION musste sich ein Gefühl beim Zuschauer einstellen, das vor allem über die Rhythmik des Schnitts erreicht werden kann. [...] Und dieser sollte, wie alle anderen “Zutaten”, dem Grundthema des Filmes entsprechend sein. Bei LAUTLOS sind diese Themen Einsamkeit und Liebe. [...] Diese Stimmungen verständlich zu transzendieren ist eine der Hauptaufgaben des Regisseurs. [...] All diese Überlegungen haben die X Filmer und ich vorher durchgesprochen. Es wurde natürlich dadurch vereinfacht, dass ich immer den ganzen Film storyboarde. [...] Die Storyboards rufen ein gewisses Sicherheitsgefühl seitens der Produktion hervor – aber auch für mich und alle Kreativen bieten sie einen soliden ersten Ausgangspunkt.
Meist verwerfe ich diese Konzepte aber zum Teil wieder und fange zu Drehbeginn wieder neu an, dann betrete ich das Set und probe mit den Schauspielern. Die ersten Überlegungen zur Bildgestaltung des Films behalte ich trotzdem im Hinterkopf und benutze sie als eine Art Blaupause. So habe ich alle Szenen eines Films mindestens einmal durchgespielt und habe eine erste Vision, wie man in der Kameraführung und später im Schnitt die einzelnen Segmente arrangieren kann. Ich glaube fest daran, dass eine Film-Crew zu einer eingeschworenen Truppe werden muss, die den Film, dessen Thematik, die Charaktere und die Schauplätze, kurzum alle Teile, atmen und leben sollte. Das setzt ein großes Vertrauen vom Produktionspartner voraus, und da ist X Filme einfach grandios. [...]
LAUTLOS lief dann trotz positiver Kritiken nicht sonderlich gut in den deutschen Kinos an. Ursprünglich sollte der Filmstart im Winter liegen, aber ich hatte einfach zu lange geschnitten und es war Ende April 2004. Dieser Starttermin hat mehrere Nachteile: Im Mai laufen meist die großen Produktionen aus den USA an und das Wetter wird allmählich annehmbar. Beide Faktoren kamen zum Tragen (LAUTLOS hatte insgesamt 60.000 Zuschauer).
6 Großes Kino, zweiter Teil: PREMONITION
Von München nach Hollywood
Als Außenstehender stellt man sich vielleicht die Frage, wie ich trotz eines deutschen «Kinoflops» bei der MGM-Produktion PREMONITION, mit einem 20-Millionen- Dollar-Budget und Sandra Bullock in der Hauptrolle die Regie übernehmen durfte. Dafür muss ich einen kleinen Sprung zurück ins Jahr 2000 machen. Ich war mit FRAMED auf den Festivals in Palm Springs und Seattle eingeladen. In Palm Springs bekam ich einen Anruf von einem Agenten aus Los Angeles. Zwei Wochen später traf ich mich mit dem Agenten in Los Angeles, und es stellte sich heraus, dass er für eine der größeren Agenturen arbeitete und gut in die Studiostrukturen eingebunden war. Da ich zu dieser Zeit keine Kinoprojekte vorweisen konnte, wurde mir vorgeschlagen, einen Langspielfilm in Deutschland in die Kinos zu bringen, dann würde ich auch auf dem nordamerikanischen Markt meine Chance bekommen, natürlich nur, wenn der Film großartig würde. Da sich LAUTLOS schon in der Planung befand, vergaß ich die Worte des Agenten schon bald, glaubte niemals daran, dass sich daraus je etwas entwickeln würde. Zwar bekam ich in der Folgezeit Drehbücher von diesem Agenten zugeschickt, aber Konkretes ergab sich nicht. Kurz nach dem deutschen Filmstart von LAUTLOS vervielfachten sich jedoch die Angebote aus Amerika. Anscheinend hatte man von den positiven Kritiken gehört [...]. Da es fast zeitgleich mit dem Filmstart in Deutschland auch eine untertitelte Version von LAUTLOS gab, habe ich dem Agenten eine Kopie zukommen lassen. Daraufhin hörte mein Telefon nicht mehr auf zu klingeln.
Ein aberwitziger Zustand, in dem ich mich damals befand: Aus Deutschland kam außer ein paar Beileidsbekundungen kein Anruf, während die amerikanischen Anrufer mir das Gefühl vermittelten, der nächste Michael Mann zu sein. [...] Die Angebote kamen nicht direkt von den Produzenten, sondern hauptsächlich von der Agentur, die sehen wollte, was mir gefällt. Dieses Gefüge der Talent Agencies ist wahnsinnig durchstrukturiert. Bei meinem ersten Besuch in einer dieser Einrichtungen war ich schockiert von der ausartenden Dimension dieses Geschäftszweigs. Da geht man in ein vierstöckiges Gebäude, in dem 250 Agenten einer Firma sitzen. Die haben zweitausend Klienten: Regisseure, Schauspieler, Autoren, Kameramänner, Ausstatter und was man sonst noch so für einen Film braucht. Im zweiten Stock, in dem auch die Regieabteilung war, gab es eine 25 Meter lange Kopierstraße. Da arbeiteten fünfzehn Leute in zwei Schichten und kopieren Drehbücher, Videos usw. Dann kam man in eines dieser zwei Mal zwei Meter großen Würfelbüros, in dem der zuständige Agent saß. Solche Szenarien könnte man sich nicht extrovertierter vorstellen, als sie dort Wirklichkeit sind.
Damals war das Verhältnis von Drehbüchern zu meinem Einkommen reziprok, je mehr Drehbücher kamen, desto weniger Geld hatte ich. Mein Agent hat immer nur gesagt: «No matter what you do, just keep your phone running»; ich musste für die amerikanischen Agenten und Produzenten erreichbar sein. Irgendwann sollte ich dann persönlich in die USA kommen und dort Kontakte knüpfen. Ich hatte über 100 Termine in der Stadt und bin innerhalb kürzester Zeit bei den großen Studios und Produzenten vorstellig gewesen. [...] Anschließend flog ich wieder nach Hause und erhielt Anrufe von Studios, die mir so-und-soviel Geld für äußerst absurde Projekte boten. Ich habe etwa 50 Projekte abgelehnt, ich erhielt z.B. einen Auftrag für ein Sequel eines dieser rasanten «Hochgeschwindigkeits-Action-Filme». Aber obwohl ich keinerlei Einkünfte verzeichnen konnte und sich halb L.A. nach solchen Großproduktionen sehnte, gingen das Filmkonzept und meine Vorstellung von einem guten Film zu weit auseinander und cih lehnte ab. [...] Man darf nicht vergessen, dass das Konzeptfilme sind: Hinter solchen Projekten steht immer ein Studio mit riesigen Budgets, und von A bis Z wird alles durchgestylt. Doch für den Inhalt, den Stil und die Inszenierung eines solchen Films ist nicht der Regisseur, sondern die amerikanischen Strukturen verantwortlich. Deswegen bereue ich keineswegs, alles bis PREMONITION abgelehnt zu haben.
Die Drehvorbereitungen
Das Angebot zu PREMONITION wurde mir im April 2005, ein Jahr nach dem Kinostart von LAUTLOS, unterbreitet. Bei diesem Drehbuch musste ich aufhorchen, denn ich hatte zehn Jahre zuvor eine ähnliche Idee gehabt. Ich wollte schon damals einen Film machen, der über einen Zeitraum von einer Woche spielt, nur dass die Reihenfolge der Tage durcheinander gewürfelt war. [...] Ich hatte die Idee dann verworfen, nicht mehr daran gedacht, und auf einmal lag das Drehbuch von PREMONITION auf meinem Tisch. Ich war verwundert, weil mir diese Idee natürlich so vertraut vorkam – außerdem gab es eine Phase in meinem Leben, da hatte ich über einen langen Zeitraum sehr intensive und realistische Träume, nach denen ich jedes Mal aufwachte und erst einmal sortieren musste, was Traum und was Realität war. Und dieses Gefühl hat Linda im Film zumindest in der ersten Hälfte auch. [...] Die Vorstellung, dass alles nur ein Streich der eigenen Gedanken gewesen sein könnte, ließ mich nicht mehr los. Das kannte ich selber und hielt es für eine starke Idee. [...] Nachdem ich tatsächlich diesen Auftrag übernehmen durfte, flog ich nach Hollywood und lernte Sandra Bullock und die Produzenten kennen. Die ersten Gespräche deuteten bereits darauf hin, dass man mir meine erwünschten Freiheiten gewähren würde, und dass meine Hauptdarstellerin sich denselben Film vorstellte wie ich. Das war eine entscheidende Voraussetzung; schließlich ist sie in fast jeder Einstellung zu sehen und trägt das ganze Projekt. [...]
Nach intensiven Gesprächen mit Sandra Bullock und der Produktion war klar, wie die Umsetzung des Drehbuchs realisiert werden sollte. Ich wollte eine glaubwürdige Geschichte erzählen, ohne Hokuspokus oder Tricktechnik. [...] Das entsprach nicht meiner Vorstellung, das passte nicht in das Genre des Films und würde absolut ohne Motivation daherkommen. Ich konnte sowohl die Produzenten, als auch die Hauptdarstellerin von meiner Vision des Films überzeugen, die ohne solche Effekthaschereien des Horrorgenres auskommen würde. [...]
Der Film hat 20 Millionen Dollar gekostet; das klingt viel, entspricht aber ungefähr drei Millionen Euro für eine deutsche Produktion. Der Film hatte keine größere Crew als LAUTLOS, und die Beleuchtungsmaßstäbe waren auch nicht größer als bei meinem ersten Kinofilm. Der Lichtaufwand ist meist ein Indikator, an dem man ein Budget ungefähr abschätzen kann, und der war hier nicht deutlich anders als für eine deutsche Produktion von drei Millionen Euro. Sicherlich werden in den USA höhere Gehälter gezahlt, nicht nur für die Stars, sondern auch für den Kameramann, den Ausstatter und die Fahrer. [...]
Die Dreharbeiten
Nach zwei Monaten Vorbereitung stand ich am Set zu PREMONITION, und ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich sehr erfreut war, als ich sah, dass Sandra Bullock keine ausufernde Entourage mitgebracht hatte. Sie hatte lediglich eine Visagistin, Hair-Stylistin und eine Garderobiere dabei, die Mindestausstattung eines professionellen Darstellers in den USA. [...] Sowohl in ihrer Art als auch ihrem Selbstverständnis muss man Sandra Bullock großen Respekt zollen. Das lässt sich relativ leicht erklären. Einerseits hat sie selbst bereits mehrere Filme produziert, und andererseits war ihr klar, dass bei einem vergleichsweise gering budgetierten Film Einschränkungen notwendig sein würden. Abgesehen davon, dass sie nicht ihre übliche 10 bis 15-Millionen–Dollar-Gage einfordern konnte, sicherte sie mir beim ersten Treffen zu, dass sie in den Drehpausen nicht dauernd im Trailer verschwinden würde, denn das hätte den Drehablauf unnötig gelähmt. Ich hatte Glück, mit einer Schauspielerin drehen zu dürfen, die keineswegs den stereotypischen Vorstellungen von einer Hollywood-Diva entsprach [...] und extrem gut vorberetiet ans Set kam.
Wir haben in Shreveport gedreht, eine Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern im Norden von Louisiana. [...] Für den Film war die Stadt optisch perfekt, eine idyllische amerikanische Kleinstadt. Dort haben wir alles «on location» gefunden, also alles in realen Umgebungen drehen können. Da ich Studiodrehs langweilig und künstlich finde, war ich glücklich, so viele Räume und Orte zu finden, an denen man wenig anzupassen hatte. Selbst das Film-Haus ist echt, da hat eine Familie drin gewohnt, die wir für drei Monate ausquartiert haben. Unser Set-Designer Dennis Washington, der für viele grandiose Filme wie THIRTEEN DAYS oder THE FUGITIVE verantwortlich war, hat nahezu alle Wände herausgenommen, den gesamte Innenraum umgestaltet und ein Balkon angebaut. Eigentlich konnten wir uns Dennis Washington für diesen Film gar nicht leisten; den habe ich überredet, für weniger Geld mitzumachen. [...]
Da ich sehr auf die Atmosphäre meiner Filme achte, war das reale Haus eine gute Voraussetzung dafür, einen stimmungsvollen Film zu drehen. Bei PREMONTION ist alles echt, in 45 Tagen gedreht und alles ohne «second unit». Normalerweise arbeitet man mit einem zweiten Team, das dann Nahaufnahmen separat dreht. Diese zweite Dreheinheit kommt dann Wochen nach dem Dreh und filmt, wie irgendeine Hand von irgendeiner Frau einen Apfel vom Tisch nimmt, alles muss dafür ein zweites Mal in Szene gesetzt werden. Das habe ich abgelehnt, da war mir auch die Extra-Belastung völlig egal, eine scheinbar unwichtige Einstellung gleich mitzudrehen. Auch Sandra Bullock war damit einverstanden [...]. Ich mag solche verbindenden Aufnahmen über die Schulter der Figur, ohne Schnitt oder Montage. Das ist unmittelbarer, näher an der Person dran – leider mögen das amerikanische Produzenten weniger, da es aufwändiger und dementsprechend teurer ist, als eine Szene mit Close-Ups separiert aufzulösen. [...]
„Pick your battles“
[...] Es gibt zwei Stellen im fertigen Film, mit denen ich extrem unglücklich war – und das eigentlich nach wie vor bin: Das sind die Einnahme des Lithiums durch die Protagonistin und die Kirchenszene, in der der Priester die urbane Legende zum Besten gibt. Beide sind für den europäischen Zuschauer irritierend, beide formulieren kulturelle Unterschiede zwischen den Amerikanern und uns. Zur Kirchenszene sagte man mir: «Wir lieben urbane Legenden. Du bist Europäer, das verstehst du nicht.» Obwohl ich eine kurze Version dieser Sequenz geschnitten hatte, in der Sandra Bullock die Kirche nur als Zufluchtsort in ihrer hilflosen Situation aufsucht, schnitt die längere Version der Szene, in der irgendeine urbane Legende zum Besten gegeben wird, die frei erfunden ist, bei sämtlichen Testscreenings bei den Zuschauern deutlich besser ab. Die kulturellen Unterschiede spiegeln sich auch im Tablettengebrauch der Amerikaner wieder. In unserem Kulturkreis wird Lithium als äußerst starkes Beruhigungsmittel angesehen, wohingegen es in den USA nicht unüblich ist, sich in schwierigen Lebenssituationen mit Narkotika zu behelfen. Mein ständiges Ringen um jeden Aspekt des Films hat die Produzenten zunächst denken lassen, dass ich einer von der harten Sorte bin, bis mich Sandra Bullock darauf hingewiesen hat: «Pick your battles». Dieses Sprichwort bedeutet, dass man sich genau überlegen sollte, welcher Kampf es wert ist, ausgefochten zu werden, und wann man mit seinen Forderungen zurückstecken sollte. [...]
Der Filmstart
Nach Ende des Drehs wurde von Sony relativ schnell ein Starttermin für Dezember 2006 festgelegt. Das hätte bedeutet, ich hätte den Film Anfang Oktober abliefern müssen. Obwohl über 80 Prozent der Schnittproduktion sehr schnell abgeschlossen waren, wusste ich, dass das Rhythmisieren des Films und die Einarbeitung der Musik eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Irgendjemand hat mal gesagt, dass ein Film nicht fertig ist, sondern verlassen wird. So erging es mir vorher bei LAUTLOS kaum, bei PREMONITION war es da schon um ein Vielfaches extremer. Als ich den Film endgültig abliefern musste, hatte ich über 120 Anmerkungen zum Schnitt und über 500 Änderungsvermerke beim Ton, die ich nicht mehr umsetzen konnte.
Zum Filmstart von PREMONITION in Amerika wurden 25 Millionen Dollar für das Marketing ausgegeben. Da kann sich ein Studio die Verzögerungen eines perfektionistischen Regisseurs nur in bestimmten Ausmaßen leisten. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, wären alle Anmerkungen, die ich noch umsetzen wollte, auch gemacht worden, aber eine Filmveröffentlichung kostet immens viel Geld, in diesem Fall mehr als das Budget des Films. Da die sechs Studios in Los Angeles sich die 52 Termine für Filmstarts untereinander aufteilen, ist jedes Startwochenende hart umkämpft. Als ich eine einmalige Verlegung des Starttermins erwirken konnte, musste die Marketingleiterin schon die eine oder andere Valium nehmen, um sich zu beruhigen.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie entspannt es dagegen war, bei X Filme anzurufen und den Termin für LAUTLOS sogar gleich zweimal zu verschieben; relativ locker konnte ich denen damals sagen, dass ich die Deadline nicht einhalten könnte; wir klärten das telefonisch. Bei PREMONITION wurde dagegen gleich ein Krisenstab einberufen und Sandra Bullock eingeladen, um die Verlegung ebenfalls abzusegnen. Glücklicherweise konnten sich alle Beteiligten auf einen amerikanischen Starttermin Mitte März 2007 einigen, und die Marketing-Maschinerie konnte laufen.
Üblicherweise werden dem Regisseur die fertigen Werbekampagnen vorgelegt, damit der weiß, wie sein Film beworben werden soll. In meinem Fall wussten sie natürlich, dass ich zehn Jahre im Marketing tätig war und waren so freundlich, mich einzubeziehen. Da habe ich die Professionalität der amerikanischen Studiostrukturen zu spüren bekommen, da wird alles genau aufeinander abgestimmt. Für jede Zielgruppe, die sich für diesen Film interessieren könnte, wurde ein eigener Spot fürs Fernsehen geschnitten: Ob für Frauen ab 25 oder den gebildeten Mann, jeder bekommt zielgruppenspezifisch den passenden Trailer zu einem bestimmten Programm zu einer bestimmten Sendezeit zu sehen. Auch das Plakat, in dem Sandra Bullocks Gesicht als Silhouette durch zwei Bäume nachgezeichnet wird, halte ich für eines der gelungensten der letzten Jahre.
Die Filmpremiere war eine abgefahrene Erfahrung für mich. Am Sunset Boulevard lag ein 100 Meter langer roter Teppich vorbereitet, an dem sich hunderte Fotografen und Kameramänner angesammelt hatten. Man unterschätzt, wie laut das ist, jeder will ein Premierenfoto von den Stars des Films haben. Ich bin von diesem Rummel sehr überrascht und beeindruckt gewesen. Leider hat sich dieses Medieninteresse nicht in guten Kritiken widergespiegelt. In den Tagen nach der Premiere wurde der Film in der Luft zerrissen. Wie sich herausstellte, werden im März – also kurz nach den Oscars – erst einmal alle von den Studios herausgebrachten Filme schlecht gemacht. Die angebliche Begründung ist, dass die Studios zu dieser Zeit nur ihre Ausschussware ins Kino bringen und die Journalisten ihrem Unmut über die amerikanischen Filmstudiostrukturen freien Lauf lassen können. [...]
Unserem Film haben die schlechten Kritiken aber offenbar kaum geschadet, denn wir haben mit 18 Millionen Dollar am Startwochenende einen guten Achtungserfolg erzielt und mit einem Gesamteinspiel von fast 50 Millionen Dollar an den amerikanischen Kinokassen einen Beleg für die Qualität des Films erbracht. Hätte PREMONITION nicht durch seine filmische Qualität überzeugt, wäre ein derart gutes Ergebnis wohl nicht möglich gewesen.
Der Punkt, der mich an der negativen Berichterstattung wirklich gestört hat, ist, dass Sandra Bullock unterstellt wurde, das sei ihre schlechteste darstellerische Leistung gewesen und sie solle doch ihre Filmauswahl überdenken. Ich sehe es genau umgekehrt: Ich halte das für eine ihrer stärksten Darstellungen, sie spielt alle Nuancen dieses vielschichtigen Charakters unfassbar gut und trägt den gesamten Film. Über die Kritiken am Film bin ich erhaben, denn die Besucherzahlen waren weltweit sehr gut und haben sich durch Mundpropaganda nur noch verbessert; der Zuschauer entscheidet, was er für einen guten Film hält. Doch die Kritik an Sandra Bullock hat mich sehr irritiert und war völlig unpassend.

Kommentare
Toller und informativer Artikel! Thanks for sharing!