Mennan Yapo im Gespräch: «Das Positive im Blick zu behalten ist die viel bessere Lebenseinstellung»
Das folgende Interview ist dem neu erschienenen Buch 'Guru Talk. Die Deutsche Filmindustrie im 21. Jahrhundert' von Thorsten Henning-Thurau und Victor Henning entnommen, in dem verschiedene deutsche Filmschaffende über ihre Erfahrungen im Kinobusiness sprechen. Zur Bestellung bitte auf das Buchcover klicken.
Thorsten Hennig-Thurau / Victor Henning: Warum lassen sich in den letzten Jahren viele deutsche Talente nach Hollywood abwerben?
Mennan Yapo: Es gibt unterschiedliche Gründe. Zunächst ist das historisch begründet: Viele Kreative sind auf Grund der Entwicklungen im Dritten Reich dorthin ausgewandert oder geflohen. Hollywood hat daher bereits sehr gute Erfahrungen mit Europäern gemacht. Die Branche weiß deren Talente zu schätzen, auch die der Deutschen. Dabei sind vor allem Kamera- und Regiefachkräfte sowie Komponisten sehr gefragt. Irgendwann ist diese Welle der europäischen Experten abgebrochen, weil in den 1960ern und 1970ern niemand nachgekommen ist. Grundsätzlich ist es nicht unüblich, immer wieder auf ausländische Größen zu setzen, um neue Wege zu gehen; da reiht sich die deutsche Talentabwanderung der letzten Jahre also eher in ein historisch wiederkehrendes Schema ein. Bei Schauspielern – nicht unbedingt deutschen wohlgemerkt – ist dieses Phänomen eigentlich noch viel deutlicher zu erkennen. Neben den Briten sind auch die australischen und neuseeländischen Schauspieler gefragt. Das kann man von den aktuellen Topstars Christian Bale, Naomi Watts und Nicole Kidman bis zu Anthony Hopkins zurückverfolgen.
Bei den deutschen Regisseuren kommt in den letzten Jahren [...] ein weiterer Aspekt zum Tragen. Diese Talente sind, mit wenigen Ausnahmen, allesamt Früchte der deutschen Filmhochschulen, die neben den technischen und theoretischen Fähigkeiten auch ein bestimmtes Verständnis besitzen, in Genres zu denken und zu drehen. Die Amerikaner nennen das «edgy»: Von den deutschen Absolventen ist keiner glattgeschliffen, sondern hat sich seine Individualität bewahrt, das kann für gute Filme nur förderlich sein. Dieses Angebot an neuen Fachkräften bedient also das in Hollywood aufkeimende Interesse an alternativen Denk- und Herangehensweisen.
Auch bedienen die deutschen Regisseure – neben dem Stereotyp der guten Arbeitsmoral – auch ein weiteres Stereotyp, nämlich gut mit Budgets umgehen zu können bzw. selbige einzuhalten und alles herauszuholen, was denkbar ist. So wurde mir mehrfach in Gesprächen von amerikanischen Produzenten bestätigt, dass LAUTLOS mit seinem Drei-Millionen-Dollar-Budget den Look eines 20-Millionen-Dollar-Films hätte. In der Extrapolation soll der 20-Millionen-Dollar-Film dann aussehen wie einer, der 50 Millionen gekostet hätte. Der letzte, aber auch entscheidende Vorteil, den ein deutscher Regisseur hat, ist, dass er sich bereits bewähren konnte und die Studios so ihr Risiko minimieren. Daher können die Produzenten wunderbar mit diesen Möglichkeiten experimentieren.
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- Mennan Yapo
Was waren für Sie die größten Unterschiede in den Arbeitsweisen zwischen Deutschland und Hollywood? Wie wichtig war es für Sie, mit Ihrem Kameramann Torsten Lippstock einen «Landsmann» an Ihrer Seite zu haben?
Der Umgang miteinander ist in L.A. anders, als ich es von Deutschland her gewohnt war. Alles ist professioneller und dadurch auch distanzierter. Die Arbeit in Hollywood lässt manchmal die Leidenschaft vermissen, die ich mir für meine Projekte immer wünsche. Bei LAUTLOS haben sich alle Leute auch die Proben angesehen und darüber gefreut, wenn eine Kranfahrt richtig gut gelungen ist. Das waren herzliche Erfahrungen. An unserem Set zu PREMONITION wurde mal eben geklatscht, wenn ein Stunt funktioniert hat, damit war die Aktion aber auch gleich wieder abgehakt, da kamen keine echten Gefühle und keine wirkliche Verbundenheit mit dem Film auf – es ist eben ein Showbusiness.
Bei der Arbeit zwischen Torsten Lippstock und mir kommt immer ein gegenseitiges Hochschaukeln unseres jeweiligen Perfektionsstrebens zum Tragen, das sich bei unseren deutschen Produktionen sehr schnell auf das restliche Team übertrug. Ähnliche Entwicklungen ließen sich dann nach einer Weile auch biem Dreh zu PREMONITION erkennen. Das Team und auch die Darsteller haben gemerkt, dass uns alle Aspekte interessieren und wir unsere Arbeit nicht einfach nur herunterleiern. Da Sandra Bullock diese Einstellung geteilt hat, hatten Nörgler keine Chance, während des Drehs Missmut zu verbreiten. Natürlich war es für das Aufrechterhalten einer positiven Stimmung am Set auch günstig, dass Torsten und ich uns ein großes Haus geteilt haben. [...] Wir haben abends oft gemeinsam gegessen und den Tag Revue passieren lassen – wenn man mit einem Vertrauten und Verbündeten das Geschehene verarbeiten kann, dann lassen sich auch komplizierte Situationen meistern. Über diese deutsche Verbrüderung bin ich sehr glücklich. Außerdem ergänzen wir uns auch am Set sehr gut, er ist eher der schnelle Entscheidungen treffende Pragmatiker, während ich alle Eventualitäten gerne vorher gedanklich durchspiele.
In Deutschland ist die Produzentenlandschaft stark atomisiert, d.h. es existieren sehr viel kleinere Produktionsfirmen, die eigenständig produzieren und alle durch Filmförderungen subventioniert werden. Wie empfinden sie diese deutschen Strukturen im Vergleich zum amerikanischen Studiosystem?
Diese Förderstrukturen sind in Hollywood absolut undenkbar, da die Studios fast alles aus eigener Kraft heraus produzieren können. Da werden bei aussichtsreichen Projekten mal eben 30 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, weil ein paar Agenten, Produzenten und Finanziers das Drehbuch für gewinnbringend halten. Sicherlich werden die Zusagen zu einem Projekt genau geprüft, aber letztlich werden dann mehr oder weniger bedingungslos die finanziellen Ressourcen zur Verfügung gestellt. [...]
Meines Erachtens ist der größte Unterschied zwischen dem deutschen und dem amerikanischen System, dass in Hollywood geprüft wird, welche Faktoren dafür sprechen, dass ein Film gemacht werden sollte. In Deutschland dagegen wird begutachtet, welche Gründe dagegen sprechen, dass ein Filmprojekt in Angriff genommen wird. Diese Diskrepanz in der Herangehensweise spiegelt in gewisser Weise die Art zu Arbeiten wider. Natürlich hat der positiv-naive Blick der Amerikaner den Nachteil, dass manche Probleme einfach ignoriert werden, bis sie eintreten, während der Deutsche das alles vorher einplant. Aber, und das habe auch ich mir angewöhnt: Das Positive im Blick zu behalten und weiterzumachen anstatt zu nörgeln ist die viel bessere Lebenseinstellung.
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- Mennan Yapo
Welchen Vorschriften des US-Systems mussten Sie sich denn nun tatsächlich beugen?
Es gibt Richtlinien, an die man sich aus organisatorischen und logischen Gründen halten kann und will. Sony wollte PREMONITION kompatibel mit der Hauptsendezeit des Fernsehens haben; also durfte der Film nicht länger als 105 Minuten sein. Das ist eine Restriktion, bei der es nicht schwer ist, sie einzuhalten, und außerdem entsprach das auch meinen Vorstellungen. Ähnliches gilt für die Altersfreigabe. Man wollte, dass der Film für Jugendliche ab 13 Jahren zu sehen sein kann, auch das stellte für mich kein Problem dar.
Diesen Dingen stehen Vorgaben gegenüber, die meine Tätigkeit als Regisseur, als kreativen Kopf des Films, beeinträchtigt hätten – dagegen habe ich mich natürlich gewehrt. So habe ich mich gegen die übliche Drehweise gewehrt und darauf beharrt, dass der Drehplan nach Szenen anstatt nach Schauplätzen strukturiert wird. Normalerweise werden erstmal alle Aufnahmen im Schlafzimmer eingefangen, dann wird vor dem Haus gedreht und dann die Szenen auf der Straße festgehalten. Ich wollte das nicht, denn es hätte bedeutet, dass sich Sandra Bullock mehrmals am Tag hätte umziehen und die Haare neu machen lassen müssen. Ich wollte die Momente nahtlos aneinanderreihen. Da nach Szenen gedreht wurde, waren wir wetterunabhängiger, denn eine Szene wurde innerhalb weniger Stunden abgefilmt. [...]
Natürlich bedeutet diese Art zu Drehen mehr Aufwand, aber hier konnte ich mich gegenüber den Produzenten behaupten. Ich wollte, dass die Maschine für mich arbeitet und ich nicht von ihr verschlungen werde – offensichtlich hat das ziemlich gut funktioniert. Ich habe es geschafft, in der geplanten Drehzeit fertig zu werden, was für amerikanische Filme absolut untypisch ist. [...] Ein Grund dafür, dass wir die vorgegebenen Drehzeiten eingehalten haben, ist, dass ich lediglich mit einer Szene unzufrieden war und wir nur diese eine Sequenz nachdrehen mussten, und zwar während der restlichen Drehzeit.
Die Strukturierung des Drehplans war ein Aspekt, der zwar organisatorischen Typs ist, aber Auswirkungen auf meine künstlerische Gestaltung genommen hätte. Das ist der Unterschied zwischen akzeptablen und inakzeptablen Vorschriften. Über meine Erfahrungen mit der MPAA, der Motion Picture Academy of America, habe ich ja im Spiegel berichtet (Der Spiegel, Heft 40/2007, S. 184-185) für die angestrebte Altersfreigabe von 13 Jahren dürfen halt nur ein «Fuck» und zwei oder drei «Shits» auftauchen, und das «Fuck» darf sich nicht auf Sex beziehen. Das ist kurios und etwas nervig, aber man kann sich arrangieren. Aber auf so ziemlich die gleiche Weise wird auch in Deutschland versucht, auf die Regiearbeit Einfluss zu nehmen. Bei LAUTLOS sollte ich darauf achten, dass der Film die FSK 12 bekommen würde, damit er im Fernsehen um 20:15 Uhr statt 22:15 Uhr gezeigt werden kann. Da der Film dann die FSK 16 erhalten hat, musste er im ZDF um Viertel nach Zehn gezeigt werden. Einflussnahme ist kein Verhalten, das auf Hollywood beschränkt ist.
Welchen Stellenwert messen Sie dem amerikanischen Streben nach guten Einnahmen am Startwochenende eines Filmes bei?
Auch das ist kein rein amerikanisches Phänomen mehr. Mittlerweile haben wir in Deutschland auch schon am Freitag die Zuschauerzahlen eines Donnerstags-Starts. Daraus werden wiederum Prognosen für das sich anschließende Wochenende abgeleitet.
Ich habe gegenüber vielen anderen Regisseuren den Vorteil, dass ich aus dem Marketingbereich komme und die Gedankengänge der Produzenten und die damit verbundenen Erwartungshaltungen sehr gut kenne. Daher messe ich den inszenierten Erwartungshaltungen auf das Startwochenende – wie sie sowohl von Studios und Produzenten, aber auch von den Filmkritikern aufgebaut werden – wenig bei. Insbesondere, da ich die Prognosen aller Seiten realistisch einschätzen kann. Viele Experten haben PREMONITION keine allzu hohen Chancen für das erste Wochenende, geschweige denn auf ein gutes Gesamteinspielergebnis prognostiziert. Ich hingegen hatte die tatsächlich eingespielten 18 Millionen Dollar [am ersten Wochenende Anm. der Redak.] durchaus auch angepeilt und war über die gesamten Kinoeinnahmen auch nicht so sehr überrascht.
Ein besonderer Vorteil eben dieses Films ist, dass er europäisch, fast schon deutsch angehaucht ist. Da habe ich mir weder auf optischer Ebene noch beim Tempo etwas vorschreiben lassen, das den Film amerikanisiert hätte. Ich wollte einen Film, der in die emotionale Tiefe geht und den Zuschauer berührt. Nachdem ich meinen Film beendet hatte, riefen die Leute aus der Produktion und vom Marketing an, und bestätigten mir, dass sie verstanden hätten, wie der Film funktioniert, und dass man die Werbekampagne darauf ausrichten würde. Dieses gute Zusammenspiel zwischen Filmemacher, Produktionsfirma und Marketingabteilung hat mir letztlich die Zuversicht gegeben, dass ich mir wegen des Startwochenendes keine Sorgen machen müsste.
Sehen Sie Ihre Zukunft in Hollywood, oder werden Sie auch dem deutschen Film erhalten bleiben?
Ich möchte weiterhin beides machen. Ich glaube, dass es mich im Gleichgewicht halten wird, wenn ich sowohl in Deutschland arbeite, aber auch größere Projekte in Hollywood übernehmen darf. Ich versuche kontinuierlich mehrere deutsche Projekte anzuschieben. Da ist alles dabei: Fernsehen, Infotainment, Kinofilme, Dokumentarfilme, Serien, Mehrteiler. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in all diesen Bereichen tätig zu werden. Da ich durch meinen Erfolg mit PREMONITION ein wenig Aufmerksamkeit generieren konnte, bekomme ich mittlerweile wieder Drehbücher und Konzepte aus Deutschland zugeschickt. Trotzdem ist ein Hollywood-Angebot immer für eine witzige und interessante Erfahrung gut. Ich darf den ganzen amerikanischen Rummel jedoch nicht allzu ernst nehmen. Solange ich Angebote bekomme und hin und wieder einen Film in Übersee machen darf, finde ich das wunderbar.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch wurde 08.11.2007 in der Bauhaus Universität Weimar geführt.

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