FLIEGEN UND ENGEL - Wie man bildende Kunst ins Filmische übersetzt

17.08.2010 | Ein Artikel von Kerstin Stutterheim

Ilya Kabakov zählt weltweit zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Gegenwart. Es gibt kaum ein wichtiges Museum der Gegenwartskunst, das nicht wenigstens eine Arbeit von Ilya Kabakov präsentiert. Seit Jahrzehnten schafft er – gemeinsam mit seiner Frau Emilia – in seinen Installationen eine phantastische Welt, die einen Kontrapunkt zur brutalen Realität und ihren vielen gescheiterten Utopien darstellt. Vor allem Fliegen und Engel bevölkern das Werk von Kabakov.

Der Film FLIEGEN UND ENGEL verknüpft die Kunsträume des Kabakovschen Universums mit Bildern aus dem Alltag, spürt der Wirklichkeit nach, aus der heraus die Arbeiten entwickelt wurden.

Kerstin Stutterheim ist Dokumentarfilmerin, Autorin und Medienwissenschaftlerin. Sie hat diesen Dokumentarfilm, der im Mai 2010 in den deutschen Kinos angelaufen ist, gemeinsam mit Niels Bolbrinker realisiert. Wie haben die Filmemacher bildende Kunst filmisch umgesetzt, wie haben sie recherchiert und sich schließlich an Künstler und Kunst mit der Kamera herangewagt?

Ein Dokumentarfilm erzählt eine Geschichte und die Regisseurin ist die Erzählerin und wählt eventuell noch eine oder mehrere auftretende ErzählerInnen dazu. So auch in diesem Film.
Seit einiger Zeit kenne ich Arbeiten Ilya Kabakovs, der mit Installationen, gezeichneten Episoden in Alben oder auf Gemälden Geschichten erzählt. Er lässt unterschiedliche Personen – die er allesamt erfindet – zu Wort kommen und einen Einblick in ihr Leben geben. Alle erzählen sie von unglaublich schwierigen Lebensbedingungen, aber auch von der Würde der Menschen, die mit Hilfe von Phantasie und Kunst diesen zu trotzen versuchen und sich ihre Menschenwürde nicht nehmen lassen.

Das hat mich interessiert. Wie wunderbar, wenn man einen Dokumentarfilm über einen Künstler, seinen Leben und das Leben an sich realisieren und dabei selber künstlerisch arbeiten kann. Es sollte kein Film werden, in dem der der Künstler vor seinen Werken steht und diese erklärt. Dafür kann man ins Museum gehen, dachte ich. Die Werke von Ilya Kabakov beziehungsweise von Ilya & Emilia Kabakov erzählen aber auch von dem konkreten Leben in der ehemaligen Sowjetunion. Die Arbeiten speisen sich aus deren Biographien und ihrem eigenem Erleben, stehen aber dennoch als Metaphern über einer reinen Authentizitätsbehauptung. Durch die künstlerische Überhöhung erzählen sie von Erinnerungen, von Erlebnissen, von emotionalen Erfahrungen. Ein Dokumentarfilm ist ja auch immer mehr als die Abbildung von Realität.

Für den Film nun wollten wir diese bereits sehr narrativen Arbeiten filmisch auflösen und die Kabakovs sich dazu ins Verhältnis setzen lassen. Ilya Kabakov hat einmal gesagt, die Kunst ist seine Heimat, wo man ihn nicht schlägt. In jedem seiner Werke steckt ein Teil von ihm, eine Seite seines Charakters, eine Erinnerung an einen Lebensabschnitt.

Von Anfang an stand fest, dass die Fliegen und Engel als zentrale Motive auch für den Film die beiden Pole bilden sollen. Die Fliegen stehen für die Macht in der ehemaligen Sowjetunion, die Überwachung und den Müll – nicht nur den realen Müll, sondern auch für den ideologischen und sprachlichen Müll. Die Engel hingegen stehen für das Paradies, eine bessere Welt, ein Jenseits, die Hoffnung.

Zunächst galt es, aus dem sehr umfangreichen Werk auszuwählen, ein Konzept zu entwickeln und zu dem Künstlerpaar ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dies gehört zusammen und bedingt einander. Ohne ein Konzept und eigene Präferenzen kann es kein funktionierendes Arbeitsverhältnis geben. So sagten die beiden dann auch auf der Basis eines recht umfangreichen Exposés und nach Sichtung von bereits von uns realisierten Filmen von uns zu. Die nächste Herausforderung bestand darin, das Produktions-Budget und die wichtigsten zu drehenden Arbeiten der Kabakovs miteinander zu vereinbaren, dabei aber auch eine Struktur für den Film zu entwickeln, die eine filmische Erzählung entstehen lässt.

Eine Installation, die mir besonders wichtig war, befindet sich in Privatbesitz und wird selten ausgestellt: Das Leben der Fliegen. So hofften wir mit den Kabakovs auf die Umsetzung von Ausstellungsplänen und hatten weitestgehend Glück. Das Leben der Fliegen war dann auch am Ende unserer Drehphase endlich aufgebaut, ebenso wie die Toilette – auf der Retrospektive in Moskau.

Wichtig war uns ebenfalls, ihn bei der Arbeit zu beobachten. Nun ist Ilya Kabakov ein extrem zurückgezogener, scheuer und gleichzeitig enorm produktiver Mensch. Da es uns aber gelungen war, die Kabakovs von unserer Arbeitsweise zu überzeugen, waren wir im Atelier geduldet und konnten Abschnitte einer Installation von der Zeichnung über das Modell bis zum Aufbau beobachten, das war die Utopische Stadt. So wurde die Utopische Stadt ein Teil der erzählerischen Struktur – durch ihre Entstehungsphase.

Insgesamt ist der Film aber als Analogie zu seinem Leben angelegt, dass in seiner ganzen Fülle selbstverständlich nicht nachzuerzählen war. Doch warum auch – dafür gibt es Biographien, Ausstellungs- und Werkskataloge. Die Detailgenauigkeit ist eher Sache für Bücher. Unser Film sollte die Besonderheit seiner Kunst sichtbar machen und denjenigen, die seine Arbeit noch nicht kennen, einen Einblick geben. Andererseits bin ich überzeugt, dass eine Biographie, die eher über emotional wirkende Geschichten und Bilder, die Fantasie und Wirklichkeit in eine assoziative Relation stellen, für viele Zuschauerinnen viel interessanter sein mag. Mit dieser Methode haben wir quasi seine künstlerische Methode, die Grenze zwischen den realen Fakten und der Kunst fließend zu gestalten, ins Filmische übersetzt. Um dies zu erreichen, haben wir nach speziellen Motiven gesucht, die in der Wirklichkeit dem entsprechen mögen, woraus er schöpft – also die Methode nicht nur übernommen, sondern auch umgedreht: von der Kunst zurück in die Wirklichkeit geblickt.

Ursprünglich hatten wir auch Kunstwissenschaftler befragt, die sein Werk fachmännisch kommentieren. Doch relativ schnell wurde klar, dass es viel interessanter wird, wenn man nur Ilya und Emilia über ihr Leben und Werk sprechen hört. Sie sind diejenigen, die bei einer Ausstellung unsichtbar werden und kaum mehr zu Wort kommen. Wenn, dann äußert sich Emilia auch mal in der Öffentlichkeit, aber Ilya Kabakov gibt keine Einführungen in sein Werk, erläutert nichts. Daher wollten wir diese Gelegenheit nutzen und ihm eine Stimme geben. Und er ist ein guter Erzähler. Wenn man ihm zuhört und zusieht, erkennt man, dass er auch im Leben einen ebenso feinsinnigen Humor hat, wie ihn seine Arbeiten ausstrahlen. Und man erhält auch einen Eindruck davon, wie stark seine Arbeiten auf einem wissensbasierten Konzept beruhen, das in der Umsetzung zu einer auf Herz und Verstand gleichermaßen wirkenden Lebensgeschichte wird.

Natürlich wurde von den Kabakovs stets genau beobachtet, ob wir das Werk auch nicht verändern – wie zum Beispiel die Lichtverhältnisse nicht ändern, die jedes Mal eine Herausforderung für den Kameramann und das Material darstellten. Zum Beispiel darf der Ausstellungsraum „Mutter und Sohn“, der völlig fensterlos ist, nur mit Taschenlampen betreten werden. Die von den Kabakovs dafür ausgesuchten, waren jedoch so knapp bemessen, dass es unmöglich gewesen wäre, etwas aufzunehmen. Also haben wir zunächst die Kabakovs gebeten, uns zu erlauben, eigene und etwas stärkere Taschenlampen zu nutzen. Dann sind Freunde und ein paar Kunststudenten in Basel für uns mit den mitgebrachten Taschenlampen durch die Ausstellung gelaufen, um die Aufnahmen möglich zu machen.

So hat jedes Werk nicht nur eine biographisch und narrative Bedeutung über das gesprochene Wort, sondern auch und vor allem über das Bild und die Akustik. Aus diesem Grunde wurden die Interview-Passagen in der jeweiligen Übersetzung auch nicht untertitelt, sondern eingesprochen. Es gibt doch viele Menschen, denen es schwer fällt, gleichzeitig zu lesen und die Bilder wahrzunehmen, daher wollten wir die Wirkung der Bilder nicht reduzieren.

Gewünscht hatte ich mir zum Beispiel für die Stimme Kabakovs den langjährigen Schauspieler des Ensembles des Deutschen Theaters Otto Mellies, der bereits den Wissenschaftler in der DEFA-Synchronfassung von Tarkowskis „Stalker“ gesprochen hat, aber auch viele andere Kinofilme synchronisiert hat.

Insgesamt war es ein Film, der auf besondere Weise verlangt hat, konzeptionelles Arbeiten und situatives Reagieren miteinander zu vereinen.

Text: Kerstin Stutterheim

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