Ich mag Filme oder „Sagt mal, wie geht’s n euch?“

11.09.2008 | Ein Artikel von Peter Gotthardt (Mitglied der Deutschen Filmakademie e.V., Sektion Musik/Schnitt/Tongestaltung)

Ich mag Filme.
Ja. Ich will jeden Film erst einmal gut finden. Und wenn der Film bis zum Schluss hält, was er am Anfang verspricht, ist es für mich ein guter Film. So einfach ist das.
So einfach ist das? Eigentlich ja.
Als uns in der Auswahlkommission* für die Wettbewerbsfilme der Internationalen Filmfestspiele Berlin (IFB) 1993 das Roadmovie WIR KÖNNEN AUCH ANDERS (Musik: Detlef Petersen) gezeigt wurde, waren wir uns einig: uns wurde am Anfang Spaß versprochen (das für uns Deutsche so schwierige Genre Komödie) und der Film hielt sein Versprechen in vergnüglicher Weise bis zum Ende durch. Ein guter Film.
Nach Ansicht von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (Musik: Howard Shore) war ich zunächst der einzige, der diesen Film im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch fand, die anderen waren der Meinung, man dürfe dem Zuschauer so viel „Blut“ nicht zumuten. Ich habe diesen Film während dieser IFB mindestens sechs Mal gesehen und wollte die Filmmusik analysieren – es gelang mir nicht, jedes Mal wurde ich in den Film hineingezogen (erst später kam ich hinter das Geheimnis: die tiefen Frequenzen erzeugten diese Magie). Ich kämpfte darum, ihn trotzdem in das Wettbewerbsprogramm aufzunehmen und die Jury darüber entscheiden zu lassen und konnte schließlich das Gremium und Moritz de Hadeln von der ungeheuren Faszination des Films (auch durch die Musik!) überzeugen.
Und wenn von einem die Frage in die Runde kam: „Sagt mal, wie geht’s n euch?“ so war das ein Signal, dass der gerade laufende Film begann, für einen oder mehrere (oder für alle) uninteressant zu werden. Allerdings: wenn einer ihn zu Ende sehen wollte, wurde der Film auch bis zum Ende gesehen. Ich denke gern an anschließende Diskussionen – insbesondere konnte ich von Manfred Salzgeber lernen, einen Film in seiner Komplexität einzuschätzen.

Meine Enkelin Anne ist eine glühende Verehrerin von Tim Burton und Johnny Depp und sie zieht mich immer wieder in das Cinestar am Potsdamer Platz, wo man bekanntlich die eng-lischsprachigen Filme in der Originalfassung sehen und hören kann. Als ich mit ihr SWEENEY TODD sah, war ich zunächst recht angetan von dieser Film-Oper (Stephen Sondheim schrieb Burton die Partitur), war aber von der Handlung enttäuscht, weil sie nichts unbedingt Neues bot und dann entsetzt: auch einem Tim Burton sollte die Darstellung eines menschenverschlingenden Feuerofens (groß und lange ins Bild gesetzt) und der aus dem Schornstein austretende, penetrant nach verbranntem Menschen-fleisch riechende Rauch – ein Tabu sein. Spätestens seit dem „Holocaust“ verbietet sich aus „purem Vergnügen“ eine solche Inszenierung.

Vor einigen Wochen sendete das ZDF den Zweiteiler „Die Gustloff“. Dem Regisseur Joseph Vilsmaier und seinem Team ist ein ergreifender Film gelungen, der mich bis zum Schluss überzeugen konnte. Ich kaufte mir die DVD, um auch die Arbeit meines Kollegen „Chris“ Heyne noch mal bewusster zu hören. Ich suchte auf dem Cover allerdings vergeblich Angaben über Musik (auch die Kamera wurde nicht vermerkt…).
In diesem Zusammenhang drängt sich immer wieder die Frage auf, warum der deutschen Filmmusik noch immer ein so schlechter Stellenwert zugemessen wird. Gewiss, es ist besser geworden. Und wer heute noch meint man muss in die Staaten gehen, um eine „richtige“ Filmmusik zu bekommen, der sollte sich von uns eines Besseren belehren lassen.

Über deutsche Filmmusik 2008
Als Mitglied der Deutschen Filmakademie habe ich die für den Filmpreis 2008 alle vorausgewählten Filme für den Deutschen Filmpreis 2008 nach bestem Wissen und Gewissen – und gern gesichtet. Die Filme habe ich im Ganzen auf mich wirken lassen, ohne sie sofort unter einem bestimmten Aspekt beurteilen zu wollen – ich möchte einen Film erst einmal im Ganzen gut finden. Fakt ist: als geübter Juror sieht man den Film nicht, man „sichtet“ ihn, aber ich glaube von mir sagen zu dürfen, dass ich mir eine wissende Naivität beim Sichten eines Films über die Jahrzehnte bewahren konnte. Das heißt, wenn mir anfangs ein Film nichts Sonderliches verspricht, ist er mitunter sogar im Schnellgang langweilig, dann landet er im Papierkorb. Das heißt im Idealfall aber auch, dass ich bei einer sehr gut gemachten Arbeit vergesse, dass ich Film sehe, sogar dann, wenn ich eine DVD nur über den Fernseher (mit einem wesentlich geringeren Blickwinkel gegenüber einer Kinoleinwand) abspiele und einen solchen auch nicht in der Kinolautstärke höre (ganz abgesehen von einer möglichen emotional stärkeren Wirkung über Kinolautsprecher). Viele der vorausgewählten Filme sah ich mit großem Vergnügen, bei einigen habe ich Tränen gelacht, bei einem war ich tief erschüttert und bei einem habe ich geweint.

Musik und Film
Peking, Seoul, Shanghai, Hongkong, Taipeh, Tokio – ein TRIP TO ASIA. Die Konzertreise der Berliner Philharmoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Sir Simon Rattle 2005 – und die Reise in die Seele auf der Suche nach Harmonie. Die Alternative zu den Krankheiten unserer Zivilisation. Ein freimütiger Einblick in die Seele eines großen Dirigenten: „Jeder von uns erlebt, dass er zwei nicht vereinbare Seiten in sich zusammenbringen muss."
Viele interpretierende Künstler erleben Momente großer Einsamkeit bei den Versuchen, die beiden Seelen in seiner Brust in Balance, in Einklang zu bringen. „Das ist ein endloser Prozess und immer faszinierend.[...]Teil des Menschseins ist aber nicht nur, zu wissen, wer du selbst bist, sondern auch ein Mitgefühl und Verständnis zu haben für andere, für die Gesellschaft [...] und dafür ist die Kunst da.“Besser ist die Funktion der Kunst in der Gesellschaft wohl kaum zu definieren.
Bei TRIP TO ASIA ist klassische Musik das eigentliche Anliegen, die Botschaft, die von Berlin in die Welt getragen wird. Unter filmischem Aspekt (Regie: Thomas Grube) galt es, musikalische Zitate formal in den Film zu integrieren – keine leichte Aufgabe, denn die so genannte „absolute“ Musik folgt ja ihren eigenen Gesetzen und musste sich der Filmdramaturgie unterordnen. Für einige Überleitungen wurde auch eine Filmmusik notwenig. Damit die aber nicht in Konkurrenz zu Beethoven und Strauss gerät, war Simon Stockhausen gut beraten, seine Musik „unauffällig“ zu halten und beweist damit die Sensibilität eines guten (Film-)Komponisten.
Ein Film, der die Frage nach der eigenen Herkunft beantwortet, heißt HEIMATKLÄNGE – VOM JUCHZEN UND ANDEREN GESÄNGEN von Stefan Schwietert. Er stellt uns den Komponisten und Sänger Knut Jensen vor. „Je tiefer der Sänger in seine genetische Herkunft steigt, desto näher ist er an sich selbst“. So entstand der Blues, so entwickelte sich der Hip-Hop, und so kommuniziert ein schweizer Jodler mit den Bergen.
„In welcher Landschaft lebe ich, wie gehe ich mit meiner Stimme in dieser Landschaft um? Würde ich in der Wüste leben, würde ich sicher anders klingen oder singen, als jetzt hier oben in den Bergen. Ich singe und der Berg gibt mir Antworten [...]. Dem Berg muss man etwas entgegensetzen [...] und fängt einer an zu jodeln, werden alle ruhig [...] vielleicht ein Urge-danke, eine Disziplin, an die sich die Leute halten in der Gemeinschaft“. Ich glaube nicht, dass dieses Phänomen nur einen Musikwissenschaftler oder einen Filmkomponisten wie mich überzeugt. Schade, dass ein solcher Film zu wenig Chancen hat, an die breitere Öffentlichkeit zu kommen, ich finde es sehr wichtig, dass solche Filme produziert werden.

Parodie in Film und Musik
FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT
Der Regisseur Hans Weingartner entwirft in Form einer rasanten Parodie die Utopie einer geistig befreiten Gesellschaft. Mit einem unglaublichen Tempo (und er hält die Spannung bis zum Ende) nimmt er die Manipulation der Medien aufs Korn, und das mit überraschenden Wendungen. Ein vergnüglicher Film. Passend dazu die Musik von Andreas Wodraschke und Adam Ilhan – sie „bedienen“ das Tempo und warten ihrerseits mit Überraschungen auf. Ob es versteckte Absicht war, oder Zufall: hier guckt die russische Hymne etwas um die Ecke – ein Schelm, der dies bemerkt und sich dabei etwas denkt.

Aus dem Studio Hamburg kommt die wunderbare Film DIE DREI ??? – DAS GEHEIMNIS DER GEISTERINSEL (Regie: Florian Baxmeyer), die wunderbare und spannende Verfilmung der erfolgreichen Hörbuch-Serie.
Die gepfefferte „Action“-Filmmusik lieferte die bereits mit Preisen geehrte Annette Focks. Was hier zu hören ist, ist „Krimi“-Musik vom Feinsten und der besondere Kick ist eine wunderbare Parodie auf das bekannte „James-Bond“-Thema. Seit Monthy Norman für den ersten „Bond“-Film JAMES BOND JAGT DR.NO (1962) sein Thema komponierte, wurde es in den folgenden Filmen immer wieder zitiert von John Barry, David Arnold, Georg Martin, Michael Legrand u.a. und nun von Annette Focks. Bravo. Kompliment auch für die gelungene Kombination von afrikanischem Gesang und Orchester. Hier war eine Meisterin am Werk.

NEUES VOM WIXXER erzählen uns die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Steinert. Eine Parodie auf den damaligen TV-Straßenfeger DER HEXER. Der Film bietet Spaß, aber die Story ist doch etwas dünn.
Umso mehr Vergnügen bereitete mir der Sound-Track von Helmut Zerlett und Christoph Zirngibl. Ihnen gelang eine wunderbare Parodie auf die bekannte Originalmusik vom HEXER (Musik: Peter Thomas 1964). Sie schöpften aus dem Vollen, arbeiteten sowohl mit Orchester als auch mit Elektronik. Den Titelsong schrieb die Rockband „The Dead 60’s“ aus Liverpool und die Songs lieferten die „Madness“, eine der bekanntesten britischen Ska-Bands der 80er Jahre.

Musik im Trickfilm
Es gibt nur wenig Filme, die gut ohne Musik auskommen (es sei z.B. an den französischen Film LE CHAT, 1971) mit Simone Signoret und Jean Gabin erinnert) – für einen Animationsfilm ist die Musik unverzichtbar, sie haucht dem Film den Atem ein. Die Sonorität (meint all das, was im Film klingt: Sprache, Geräusche, Musik) ist hier spezieller, auch komplizierter, und will deshalb noch gründlicher überlegt sein. Hier zeigt sich auch besonders deutlich, dass Filmmusik eine besondere Gattung innerhalb der Musik ist und losgelöst vom Film mitunter wenig „Substanz“, wenig „Struktur“ aufweist. Ja, ein lange ausgehaltener tiefer Ton eines Synthesizers kann durchaus zu einer guten Filmmusik gezählt werden, wenn – im Zusammenspiel mit Sprache und Geräuschen – die dadurch gewünschte Wirkung eintritt. Und eine gute „eigenständige“ Musik kann im Film dagegen störend wirken. Musik ist eben nicht gleich Filmmusik.

Zum Beispiel lieferte David Newman dem wunderschönen ICE AGE (2002, Regie: Chris Wedge) eine gute, stimmige Partitur. Hört man dagegen den Soundtrack von der CD, also nur die Musik, ist es – im Vergleich zum Film – enttäuschend, logisch. Es fehlt die wesentliche optische Komponente – auch die Geräusche und die elektronischen Effekte, die den Inhalt des Films, die „Aktionen“ der Figuren bestimmen. Und so ist klar, dass Filmmusik nicht mit den gleichen Kriterien gehört (beurteilt) werden darf, wie eine „absolute“ Musik, die ihren eigenen Gesetzen folgt.
Für den genialen Film von Hayao Miyazaki CHIHIRO'S REISE INS ZAUBERLAND, mit internationalen Preisen überhäuft (z.B.Goldenen Bär 2002 und Oscar 2003 für den besten animierten Spielfilm), lieferte Joe Hisaishi eine wunderbar stimmige Partitur (Titelsong: Youmi Kimura). Würde er eine Musik für den Konzertsaal schreiben, könnte er seine Inhalte konzeptionell selbst bestimmen, es ergäben sich dann natürlich wesentlich andere Klänge. „Chihiro“ ist ein Glücksfall, hier ergänzen sich alle Gewerke zu einem großen filmischen Kunstwerk. Es ist wirklich unverständlich, dass selbst solche Meisterwerke wenig Chancen haben, im Kino von einem größeren Publikum gesehen zu werden.

Unter den circa sechzig vorausgewälten Filmen, die mir zur Sichtung geschickt wurden, ist vor allem ein Animationsfilm zu nennen, der vergnüglich anzusehen ist, mit viel Liebe zum Detail und auch im glücklichen Zusammenspiel aller Gewerke zu einem wunderbaren Film für kleine und große Leute wurde: DIE DREI RÄUBER
Nach der seit 1961 bekannten schaurigschönen Geschichte von Tomi Ungerer entstand dieser Film in zweijähriger Fleißarbeit unter der Regie von Hayo Freitag und die fantastischen Animationen bekamen eine kongeniale Sonorität. Begonnen bei den Schauspielern, die den animierten Figuren ihre Stimme liehen (KatharinaThalbach, Joachim Król, Charly Hübner, Bela B. Felsenheimer und als charmantes Mädchen: Elena Kreil) bis hin zu der gelungenen Musik von Kenneth Pattengale ist alles bestens aufeinander abgestimmt. Und aus Bad Tölz kam von den „Bananafishbones“ ein Ohrwurm, der zum Mitsingen animiert: der Gesang der drei Räuber, wenn sie im Wald ihrer „Arbeit“ nachgehen.
Da verkraftet man fast unbemerkt, dass die Räuber ihr Lied nicht im Takt ihrer Schritte singen (eine kleine Panne bei der Postproduktion?). Dass in diesem Fall sowohl der Vorspann als auch der Abspann auf sehr originelle Weise vom gesamten Team durchgestaltet wurde, ist eine erfreuliche Konsequenz und verhilft dem Film zusätzlich zu Attraktivität. Ja, auch dieser Film ist ein Glücksfall.

(Kinder-)Filmmusik
Der Film von Ben Verbong (Regie) und Paul Maar und Ulrich Limmer (Buch) verrät den Kindern bereits im Titel, worum es geht: HERR BELLO. Dieses „reale“ Märchen beginnt mit einem wunderbaren Trick-Vorspann und es ist dem Team gelungen, diesen Spaß konsequent bis zum Ende durchzuhalten. Das poetische Prinzip: das Kind ist die Vernunft und weiß gegenüber Erwachsenen das Richtige – das bereitet Vergnügen, nicht nur den „Kleinen“. Konstantin Wecker schrieb dazu eine schöne „klassische“ Märchenmusik, die mit ihren Mitteln (auch mit Orchestermusik) der auditiven Seite sehr zuträglich ist.

DIE ROTE ZORA (Regie: Peter Kahane) ist eine Gemeinschaftsproduktion zwischen Schweden und Deutschland. Eine harte Geschichte, hart, wie richtige Märchen eben sind: die „rote“ Zora ist die Chefin einer Kinderbande und organisiert das tägliche Leben. Und es ist ein Märchen mit positivem Ausgang. Mario Adorf bringt als etwas kauziger Fischer die Moral: Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Das ist vergnüglich, lehrreich und packend von Peter Kahane und seinem Team erzählt – ein sehr guter Film für Kinder.
Der Komponist Detlef Friedrich Petersen schrieb eine stimmige Orchesterpartitur dazu. Seine Musik begleitet die rote Zora und ihre „Bande“ in jeder Situation souverän und wirkungsvoll.

Schade
Ja, schade. Es gibt nicht nur Filme, die eine bessere Musik bekommen haben, als der Film es hergibt, es gibt auch gute Filme, die eine bessere Filmmusik verdient hätten:

MEINE SCHÖNE BESCHERUNG (Regie: Vanessa Jopp) ist eine gut gemacht Komödie. Zum „Fest der Liebe“ läuft alles ganz anders als erwartet: Sticheleien, Gemeinheiten, da werden Geheimnisse gelüftet, Missverständnisse kultiviert und als krönender Höhepunkt, sozusagen das Weihnachtsgeschenk, wartet die Hauptdarstellerin (Martina Gedeck) mit einer Überraschung auf, die neue Missverständnisse schürt und die Emotionen hoch kochen lässt. Ein herrlicher Spaß, bei dem sich jeder seinen Teil heraussehen kann. Schade, dass Loy Wesselburg keine andere Idee hatte, als sich an der traditionellen Musik des Balkans zu orientieren (siehe auch FREI NACH PLAN), die uns Emir Kusturica und Goran Bregovic schmackhaft gemacht haben. Mit dieser Musik ist der Spaß nicht gelungen, der Film hätte eine originellere Musik verdient.

Franziska Meletzki drehte den Film FREI NACH PLAN
"Das Leben ist ein Schlund – passte nich' auf, biste weg.“ – und das ist leider dem Duo Eike Hosenfeld und Moritz Denis bei ihrer Filmmusik passiert. Filmisch gut gearbeitet, mit weiblicher Starbesetzung, ich mag diesen Film. Deshalb hätte ich diesem Film eine bessere musikalische Unterstützung gewünscht. Hier wären sensiblere Klänge besser gewesen als die (pardon) „Krawall“-Musik auf ulkig oder das „berühmte“ (immer noch nicht überwundene) einsame Saxophon. Ja, jeder orientiert sich an Vorbildern. Auch mir gefällt die urwüchsige Balkanfolklore, die Emir Kusturica und Goran Bregovic bis nach Hollywood getragen haben (ich erinnere mich noch gern an ARIZONA DREAM oder SCHWARZE KATZE, WEISSER KATER), aber es ist ein Unterschied, ob man so etwas aufgreift, wenn es denn passt, und weiter verarbeitet, oder ob man nur schlecht kopiert. Das einzig Gelungene ist der Einsatz von „Rückwärts-Klängen“, die einen Klang irrealer machen. Solch ein musikalisches Register ist in letzter Zeit häufiger in Filmen zu hören.

(Film) Musik (Klischee)
Eine Enttäuschung ist Paul Verhoevens BLACK BOOK. Eine naturalistische Nachgestaltung einer Geschichte aus dem II. Weltkrieg und Widerstand ist ein wahrhaft großes Thema. Wenn aber ein Film mit viel (unmotivierter) Erotik und aller Brutalität daher kommt, ist man denn doch verstimmt und kann ihn nicht gut finden. Dem Regisseur gelingen viele ästhetische Entgleisungen. Es tut mir leid, aber diese filmische Umsetzung wirkt auf mich wie ein Operette. Wofür bekam dieser Film von der Filmbewertungsstelle das Prädikat „Besonders wertvoll“? Die erfahrene Filmkomponistin Anne Dudley konnte nur eines tun: sich dem Stil dieser Inszenierung anpassen. Viele (zu viele) Geigen…

Einfühlsame Filmmusik
Es ist eine Freude, bei der Film-Ernte des Jahres 2007 so viele gute Filme sehen zu können. Habe ich im Vorherigen schon über positive (bis zum Superlativ) Filmmusiken gesprochen, möchte ich mich noch weiteren sehr guten Musiken zuwenden, die mit Einfühlungsvermögen und Sensibilität einem Film zugearbeitet worden sind.

AM ENDE KOMMEN DIE TOURISTEN
Robert Thalheim (Buch und Regie) drehte eine Geschichte in Oswiecim, dem Ort, der unter seinem deutschen Namen Auschwitz traurige Berühmtheit erlangte. Wie sieht ein normales Leben an einem solchen Ort aus, an dem nichts normal ist? Ein sehr sensibles Thema und der Titel verrät, wie die Welt mit dieser Geschichte umgeht: am Ende kommen Touristen.
Hier war im wahrsten Sinne des Wortes einfühlsame Filmmusik gefragt. Anton K. Feist und Uwe Bossenz haben glücklicherweise diese Herausforderung gemeistert mit Sparsamkeit, Sensibilität, mitunter nur mit einem musikalischen Effekt, der eine leise Emotion verstärkt. Eine gute konzeptionelle Idee ist der Einsatz eines Schubert-Liedes (der Inbegriff deutscher klassischer Romantik), das von einem Polen, der diese Hölle überlebte und nun mit seinem weiteren Leben irgendwie klar kommen muss, in diesem Zusammenhang als sentimentaler Quatsch entlarvt wird.

MEMORY BOOKS – DAMIT DU MICH NIE VERGISST
Etwa zwei Millionen AIDS-Waisen leben allein in Uganda. Infizierte Eltern schreiben im Beisein ihrer Kinder sogenannte Memory Books, Erinnerungsbücher, denn bald werden diese Kinder auf sich allein gestellt sein. Deshalb entwickelte sich dieses Projekt, bei dem Kinder in dem Prozess des gemeinsamen Schreibens und Erinnerns Stärke und Trost finden und ihre genetische Herkunft kennenlernen. Ohne Kenntnis seiner Wurzel ist der Mensch nichts wert. Die Regisseurin Christa Graf hat einen ergreifenden Bericht gedreht über diese Schicksale und diese Memory Books. Auffallend gut ist hier ihr gesamtes Team: Kamera, Schnitt, die Filmmischung. Der Kommentar wurde sehr einfühlsam gesprochen und der Komponist Gert Wilden jr. lieferte eine tief nachempfundene, gute Filmmusik. Memory Books gehört zu den besten Dokumentationen, die aktuell produziert wurden.

Ein beachtenswerter Film ist auch NICHTS ALS GESPENSTER in der Regie von Martin Gypkens. Seine wunderbaren, wie selbstverständlichen Inszenierungen zwischenmenschlicher Beziehungen zeigen und die „Gespenster“ aus Deutschland, die überall in der Welt zu finden sind und nicht für den Fortbestand der Nation sorgen. Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben… Natürlich eine Parodie, oder?
Bei der Filmmusik von Martin Todsharow kam mir mitunter der Verdacht, dass der Film mehr sein möchte als eine Parodie – die Musik passt sich der Geschichte in idealer Weise an.

LIEBESLEBEN
Maria Schrader drehte eine Geschichte, die voller Poesie, Spannung, Überraschungen ist und tief berührt. Liebesleben ist ein Drama de luxe, ein Glücksfall, bei dem einfach alles stimmt. Sensibilität ist gefordert – von den Schauspielern, bei der Gestaltung des Films und vom Zuschauer. Und das betrifft folglich auch die Musik zum Film. Niki Reiser schrieb eine sehr gute Filmmusik, sehr poetisch, wo nötig, sehr sparsam (mit minimalistischem Tonmaterial), sehr einfühlsam. Auch die bewusste Stille, konzeptionell konsequent eingesetzt, wird hier zu Musik. Niki Reiser hat seine Musik hervorragend „in den Film gegossen“.

TRADE – WILLKOMMEN IN AMERIKA
Jedes Jahr werden mehr als eine Million Menschen über internationale Grenzen verschleppt. Gegen ihren Willen. TRADE stellt in erschütternder Weise die Realität nach. Willkommen in Amerika! – ein aufwühlender, starker Film von José Rivera (Buch) und Marco Kreuzpaintner (Regie), Daniel Gottschalk (Kamera), Roland Emmerich und Rosilyn Heller (Produktion). Ein Film über den internationalen Mädchenhandel, der über die Grenzen von Mexico in die USA führt und die jungen Mädchen und Jungen mit brutaler Gewalt zur Prostitution zwingt. Ein mutiger Film, der mich so erschüttert hat, dass ich geweint habe. Wäre ich noch in der Berlinale-AuswahlkommissIon, TRADE wäre für mich der Goldene Bär 2008 gewesen. In dieses Kompliment schließe ich die Filmmusik von Leonardo Heiblum und Jacobo Lieberman mit ein. Die musikalische „Klammer“ des Films: zu Beginn singt eine junge Sängerin ein spanisches Lied und wir finden diese Stimme schön und sexy (noch ist sie unbeschädigt). Am Ende singt ein Junge ebenfalls ein spanisches Lied – nun wissen wir: er ist ihr Bruder, der in unglaublicher Weise um seine Schwester gekämpft hat und sie letztlich frei bekommt und sie zurück nach Mexico, nach Hause bringen kann. Nur zu welchem Preis. Allein diese „Klammer“ wirkt eher unbewusst und hat deshalb auch im Nachhinein eine umso größere emotionale Kraft – das ist eine gute Konzeption. Einfachheit, Klarheit wird erreicht mit einem Klavier, auch mit Violoncello und Klavier, auch klassische Musik findet seinen geeigneten Platz und wird zur Filmmusik umfunktioniert. Das geschieht sehr sorgsam, sehr sparsam. Die beiden Komponisten befinden sich mit ihren musikalischen Mitteln in guter Tradition. Ich denke an den argentinischen Spielfilm CESIO 137 – O PESADLO DE GIONINA mit der Musik von Otavio Garcia oder CABEZA DA VACA (Kuhkopf) aus Mexico mit der Musik von Mario Lavista.

Und noch ein letztes Beispiel für einen leisen, empfindsamen, bemerkenswerten Film: DIE ANRUFERIN
Wie weit gehst du, wenn du einsam bist? Ein dichtes Drama: eine junge, schöne, starke Frau meistert allein ihr kompliziertes Leben und pflegt ihre Mutter zu Hause bis zu ihrem Tod. Ein Film über Notlügen, Freundschaft, eine verschüttete Kindheit und über Einsamkeit eines jungen Menschen. Ein Film darüber wie man mit Hilfe von Phantasie so schwierige Situationen überleben kann. Das alles geschieht glücklicherweise ohne Pathos. Ein wichtiger Beitrag zum Thema Sterben in Würde, das in unserer Gesellschaft endlich eingehender diskutiert wird.
Es ist zu spüren, mit welcher Liebe Felix Randau seine Schauspielerinnen Valerie Koch und Esther Schweins geführt hat. Das Ergebnis ist ein konsequent gestalteter Film (das hätte auch schnell in Klischée und Kitsch verfallen können).
Und die Musik von Thies Mynther ist kongenial angelegt. Seine Klänge sind sparsam eingesetzt, auch er berücksichtigt den Inszenierungsstil und verfällt nicht in Kitsch. Eine gute Idee ist auch der Einsatz des Songs von Melanie „Wonderful People“ – denn wir erleben wundervolle Menschen. Die Beurteilung der Filmbewertungsstelle trifft auch auf die Filmmusik zu: eine Gratwanderung, psychologisch stimmig – und vergab das Prädikat „Besonders wertvoll“. Ein Film, der zum Deutschen Filmpreis 2008 durchaus mit einem Preis hätte bedacht werden können.

Mit Freude kann festgestellt werden: das Ergebnis nach Sichtung der Filme ist sehr positiv – so viele gute deutsche Produktionen – ein fantastisches Ergebnis.

"Wenn die Filmhersteller doch einsehen möchten, wie viel Einfluß auf den Erfolg in die Hände des Filmkomponisten gegeben ist! [...]Filmmusik, verkannte, gescholtene, unentbehrli-che,selbstlose Helferin – sollst leben, Filmmusik!"
(Dr. Franz Wallner 1927 aus „Eine Akademie für Filmmusik“)

Berlin, 11. September 2008
Peter Gotthardt
(Peter.m.gotthardt@online.de)

Weitere Aufsätze über Filmmusik von Peter Gotthardt:

• Über die Entstehung meiner Musik zu "Die Legende von Paul und Paula", 24-seitiges Booklet für den Soundtrack, 1994
• "Über Filmmusik bei den 41. Internationalen Filmfestspielen Berlin" in: Neue Berlinische Musikzeitung, 1/1991
• "Ich schlage vor, den Beifall kurz zu halten" in: Neue Berlinische Musikzeitung, 3/1990
• "Die Legende von Paul und Paula" in: Neue Berlinische Musikzeitung, 1/1990
• "Filmmusik" in: Neue Berlinische Musikzeitung, 3/1989
• "Filmmusik für 'Käthe Kollwitz - Bilder eines Lebens'" in: Aus Theorie und Praxis des Films, 5/1987

* von 1990 – 1994 war ich Mitglied des Auswahlgremiums der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Etwa von Mitte November bis Ende Januar sahen wir ca. 250 Filme neuester Produktion aus aller Welt. Und Ende Januar galt es dann (in teilweise harten Diskussionen), aus den gesichteten Filmen 25 für die jeweilige Jury vorzubereiten, aus denen diese dann die aus ihrer Sicht preiswürdigen Arbeiten auswählen konnte. Für mich als Filmkomponist war die Arbeit in diesem Gremium – vor allem auch in der Kontinuität von mehreren Jahren - eine sehr wertvolle Erfahrung.

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