Wie ich mit meinem Regisseur baden ging....

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Filmausschnitt von NORDSEE IST MORDSEE (mir freundlicher Unterstützung von Hark Bohm und Kinowelt GmbH) 
26.03.2009 | Ein Artikel von Wolfgang Treu, Mitglied der Deutschen Filmakademie, Sektion Kamera/Bildgestaltung

W. Treu bei den Dreharbeiten

Im Sommer 1975 sprach mich Hark Bohm an, mit ihm seinen nächsten Kinofilm NORDSEE IST MORDSEE zu machen.

Wir wollten in Hamburg drehen, er hatte das Drehbuch geschrieben, ich hatte es mit großem Interesse gelesen und wir trafen uns, um zu planen. Es ging um einen Film, in dem zwei Jungens von zu hause türmen – auf einem Floss die Elbe hinab, später klauen sie eine Segelboot, um besser und vor Allem unauffälliger vorwärts zu kommen. Elbabwärts mit Ebbe und Flut Richtung Nordsee.

Alles an diesem Projekt sollte so weit wie möglich authentisch sein: Die Besetzung mit Uwe und Dschingis, ihre Gang, ihre Umgebung in Wilhelmsburg – nicht gerade ein nobler Stadtteil in Hafennähe. Hark hatte in vielen Wochen recherchiert und optisch ungewöhnliche Motive gefunden.

Auf mich war er wohl gestoßen, weil ich Hamburger bin und weil ich seit Jahren segelte, ein eigenes Boot auf der Elbe fuhr, das Revier mit seinen Eigenheiten und Tücken kannte.
Auch in dieser Hinsicht sollte alles stimmen – zu oft sieht man Filme auf Booten, bei denen das nicht alles so unbedingt etwas mit der Praxis zu tun hat: Für den Ortskundigen stimmen die Schauplätze nicht zueinander, der Tidenstrom läuft mal so und im nächsten Schnitt in der Gegenrichtung, der Wind dreht in alle möglichen Richtungen, die Segelstellung ist so, dass das Boot unmöglich vorwärts kommen kann, von der Kontinuität der Lichtstimmung ganz zu schweigen – aber dieses Problem begleitet einen beim Drehen ja so wie so immer, seit man gewagt hat, Filme außerhalb eines Ateliers zu drehen. So wurde der Drehplan so gestaltet, dass möglichst alle diese Faktoren berücksichtigt waren und handhabbar schienen.
Wir drehten also so realitätsnah wie irgend möglich, bei den Segelsequenzen quetschten wir uns zu den beiden Jungs in das offene Cockpit der Jolle, die 35mm Arri BL auf der Schulter, der Tonmann krümmte sich zu unseren Füßen. Bei zu rauhem Wasser kam die stumme Arri IIc mit Kreiselstabilisator zum Einsatz, dann musste nachsynchronisiert werden. Artistik war für alle Beteiligten angesagt. Es machte Spass und es wurde ein richtig guter, runder Film. Wo etwas holperte, hatten wir Udo Lindenberg mit seinem tollen Soundtrack.

Ich war ein wenig stolz, als in Deutschlands größter Yachtzeitschrift in der Kritik bemerkt wurde „dies sei der erste Segelfilm, wo alles stimme“. Wir hatten uns jedenfalls nicht zum Gespött der Küste gemacht.
Was ich aber erzählen wollte, war folgende Begebenheit:
Es gab eine Szene, in der die Jungs auf der Jolle im dichten Hafengewühl zwischen Frachtschiffen und Schleppern elbabwärts fahren. An dem Tag war eigentlich alles perfekt, Schiffsverkehr, Wetter, Strom- und Windrichtung etc. Nur: Es war ziemlich windig. Und zwar so, dass Hark Bedenken hatte, die Szene in der nötigen Totale von den Jungs selber segeln zu lassen, es schien einfach zu riskant!
Also entschieden wir, Hark und mich als Doubles auf der Jolle einzusetzen. Die Klamotten passten einigermaßen, in der weiten Totalen würde man uns nicht erkennen, und wir beide sind schließlich routinierte Segler. Mein Assistent wurde mit der Kamera am anderen Ufer platziert und los ging’s.

Es war toller Wind, bewegtes Wasser, Hark und ich an Fockschoot und Pinne rauschten bildwirksam durch das Schiffsgewühl.und alles schien gelungen. Nur – das rauschende Segeln machte uns einen solchen Spaß, dass wir, völlig überflüssigerweise, beschlossen, noch einen Schlag zurück zum Kamerastandpunkt zu machen, um Hartmut zu fragen, wie es denn ausgesehen habe. In der Rauschefahrt übersah ich eine Bö und schmiss mitten im Hafenbetrieb die Jolle um und mein Regisseur und ich waren „Baden gegangen“. Dazu kam, dass die Jolle, die ja eigentlich durch ihren Auftrieb hätte schwimmen müssen, rapide absoff. Das Kajütschott war beim früher gedrehten Einbruch der Beiden in das Boot undicht getrümmert worden. Nur ein winziger Teil des Bugs der Jolle schwamm irgendwo, eine Luftblase verhinderte, dass das ganze Ding komplett im Hafen versank. Es dauerte eine geraume Weile, bis uns eine Barkasse aus dem Wasser fischte und das Wrack abbarg.
Es gibt sicher unkompliziertere und trocknere Wege, um mit seinem Regisseur Spaß zu haben, ein Abenteuer zu bestehen.

Wolfgang Treu bvk

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