Die beobachtende Kamera

Wie die Kamerafrau Judith Kaufmann Raum für überraschende Momente schafft.

„Perfektion interessiert mich eigentlich nicht. Natürlich sollte man sein Handwerk beherrschen und perfektionieren. Aber wenn Dinge leblos und rountiniert werden, wird es wahnsinnig lngweilig."

Judith Kaufmann über die Kameraarbeit bei DIE FREMDE

INTERVIEW zu DIE FREMDE

Interview mit Judith Kaufmann

Mit dem Naturalismus ist es im Kino so eine Sache. Er scheint einfach - man filmt das Leben und nichts anderes - und ist doch ungemein kompliziert. Judith Kaufmann weiß, dass es viel Arbeit braucht, bis ein Bild so kadriert und ausgeleuchtet ist, dass es authentisch und wirklichkeitsnah wirkt. Sie nimmt das vorhandene Licht nicht einfach an, sondern transformiert es. Ihr großes Talent liegt in der Empathie, im Einfühlungsvermögen in Figuren, deren Gefühle sie Sturm laufen lassen gegen die Konventionen der Gesellschaft. In DIE FREMDE (2010) findet diese sensible, bildnerische Parteinahme für Außenseiter und Ausgestoßene einen besonders kunstvollen Ausdruck. In ihrer Lichtsetzung behalten nicht Enge und Aussichtslosigkeit das letzte Wort. Sie erzählt auch von der Kraft der Sehnsucht und Hoffnung.

Die Szene

Die junge Türkin Umay erfährt durch Zufall, dass ihre Familie plant, ihren kleinen Sohn Cem am nächsten Tag zu ihrem gewalttätigen Ehemann in die Türkei zurückzuschicken. Nachts will sie mit Cem flüchten, die Tür ist jedoch abgeschlossen. Umay ruft die Polizei, die sie und Cem aus der Wohnung befreit.

Die Künstlerin
Als sie kaum ein halbes Jahr alt ist, zog die Familie der gebürtigen Stuttgarterin nach Berlin. Die Stadt sollte Judith Kaufmanns künstlerische Heimat werden. Dort absolvierte sie ein Praktikum bei einer Firma für Werbe- und Industriefilme, kommt über die Fotografie zum Film. Von 1982 an arbeitet sie als Assistentin für bedeutende Kameramänner wie Thomas Mauch, Jürgen Jürges, sammelt internationale Erfahrung bei Raoul Coutard und Nurith Aviv. Seit 1991 ist sie Chefkamerafrau und arbeitet vor allem mit Regiedebütanten wie Chris Kraus, Angelina Maccarone und Feo Aladag. 2007 war sie für ihr Kameraarbeit bei VIER MINUTEN nominiert.

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