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Marken aus der Manufaktur – Filme für das 21. Jahrhundert

Der folgende Artikel ist dem Buch 'Guru Talk. Die Deutsche Filmindustrie im 21. Jahrhundert' von Thorsten Henning-Thurau und Victor Henning entnommen, in dem verschiedene deutsche Filmschaffende über ihre Erfahrungen im Kinobusiness sprechen.

Stefan Arndt, geboren 1961 in München, ist Filmproduzent, Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter der X Filme Creative Pool sowie Mitgründer und Vorstand des X Verleihs. Seinen Einstieg in die Filmbranche fand er Mitte der 80er Jahre als Kinobetreiber in Berlin, wo er Tom Tykwer kennenlernte. Gemeinsam gründeten sie die Produktionsfirma Liebesfilm, aus der 1994 X Filme hervorging. Als Produzent beinhaltet seine Filmographie mit LOLA RENNT und GOOD BYE, LENIN! zwei der erfolgreichsten deutschen Filme. Stefan Arndt war Mitbegründer und bis 2009 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Filmakademie. 

 

1 Alles auf X! Zur Geschichte von X Filme

Als Produzent und ehemaliger Kinobesitzer kann ich aus verschiedenen Perspektiven vom Filmgeschäft berichten. Ich habe selbst einmal klein angefangen, als ich 30.000 Mark von meiner Oma geerbt und damit mein eigenes Kino erworben habe. Das Geld war schon nach wenigen Tagen ausgegeben, da sich die finanzielle Lage etwas anders darstellte als der Vorbesitzer sie mir geschildert hatte und ich schon bald den Vorführer nicht mehr bezahlen konnte. Ich musste dann in einer Nacht lernen, wie man Filme vorführt – und bin seitdem beim Film geblieben. Mein Kino war in Berlin-Wedding, und mein jetziger Partner und Regisseur Tom Tykwer hatte eins in Kreuzberg. Zu dieser Zeit waren wir Konkurrenten; jede Woche entbrannte ein Zweikampf um das bessere Kinoprogramm. Irgendwann haben wir uns kennen gelernt und festgestellt, dass es uns nervt, stetig Filme aufzuführen, die den Leuten – und oft auch uns selbst – nicht sonderlich gefalllen. Daraus entstand die Idee, selbst Filme zu machen. Unser erster gemeinsamer Film war 1993 DIE TÖDLICHE MARIA. Viele Kritiker sagen heute, dass sie Tykwer schon immer toll fanden – in Wirklichkeit aber haben sie ihn damals verrissen, weil er mehr wollte, als zu jener Zeit erlaubt war. Die Geschichte einer depressiven 40-jährigen Frau war nicht mit den Vorstellungen dieser Kritiker zu vereinbaren. Bei nur ungefähr 14.000 Zuschauern in ganz Deutschland schwebte sehr schnell der Pleitegeier über unseren Köpfen. Dem Mangel an Erfahrungen im Marketingbereich mussten wir schnell Tribut zollen.

 

2 Das Selbstverständnis 

Wir wollen zuallererst einen guten Film machen, und wenn dann damit noch ein finanzieller Erfolg einhergeht, umso besser. Das X-Team ist immer zunächst an einem hochwertigen Film interessiert, ohne dabei die finanziellen Aspekte zu vernachlässigen. Sicherlich braucht man Kassenerfolge im Kino, um unsere 45 Mitarbeiter und die Miete für Studios, Büros etc. zu bezahlen. Aber uns liegt doch das Handwerk des Filmemachens zu sehr am Herzen, als dass wir etwas produzieren würden, dass nicht unseren Vorstellungen entspricht.

Die deutsche Filmfinanzierungspolitik erschwert dabei unsere Herangehensweise an das Filmemachen in erheblichem Maße, denn es ist in Deutschland schwierig, finanziell und kulturell attraktive Produktionen zu kombinieren. Es gibt strenge Budgetgrenzen, die sich aus der Kombination verschiedener Finanzierungsquellen errechnen. Außerdem sind die Fernsehsender sehr mächtig. Es gibt keinen Anbietermarkt, sondern einen Abnehmermarkt. Jedes unserer Produkte wird in Manufakturarbeit hergestellt. Unser Anspruch ist es, Unikate anzufertigen, die dann in einzigartiger Art und Weise vermarktet werden. Um dafür eine ideale Ausgangsposition zu schaffen, befinden sich alle Mitarbeiter unter einem gemeinsamen Dach in Berlin. Wir sind der Meinung, dass viel effizienter kooperiert werden kann, wenn Marketingleute und Filmemacher Hand in Hand arbeiten. Liegt der Filmschneideraum direkt neben dem Trailerschneideraum, wird sich schneller und gezielter abgesprochen; das sind simple Methoden des Teamworks.

Ähnlich wie mit den besonderen Filmen, die wir machen möchten, verhält es sich mit allen Abteilungen bei X Filme und X Verleih. So sind Tykwer und ich bei uns in der Firma etwa die Titeltheoretiker. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass der Titel einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf den Kassenerfolg haben kann. Wir versuchen möglichst oft mit den gleichen Leuten zusammen zu arbeiten, da man deren Fähigkeiten bereits einschätzen kann. Als Produzent ist es so, dass man mit den Regisseuren, mit denen man zum ersten Mal arbeitet, das erste gemeinsame Projekt quasi im «Blindflug» durchlebt. 
Erst dann weiß man um seine jeweiligen Stärken und kann diese systematisch in die Zusammenarbeit einfließen lassen. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Kooperationen mit neuen Leuten.

 

3 Stoffauswahl: Wo kommen X Filme her? 

Nach DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE und LOLA RENNT waren wir in allen Zeitungen und es hat sich ein ungemeines Interesse an X Filme entwickelt. Ein Beispiel: Nach einem langen Arbeitstag kam ich irgendwann um ein Uhr nachts aus dem Büro und musste zur Tankstelle. Während ich da im Halbschlaf an der Zapfsäule stand, kam eine Frau auf mich zu, erfreut mich zu treffen – und überreichte mir doch tatsächlich ein Drehbuch! Wir haben in dieser Zeit insgesamt rund 1.200 Drehbücher zugeschickt bekommen, obwohl das überhaupt keinen Sinn hatte, denn wir suchen keine Stoffe, zumindest nicht unaufgefordert eingeschickte. Auch hier bestätigt mal wieder die Ausnahme die Regel: GOOD BYE, LENIN! hat uns jemand gefaxt. Obwohl das Faxgerät nicht richtig eingestellt war und rechts jeweils vier Zentimeter fehlten, das sind ungefähr drei Worte pro Zeile, haben wir diese vier Seiten gekauft. Die vier Seiten, von denen wir schließlich anderthalb Seiten verwendet haben, ließen eine tolle Geschichte erkennen.

Das ist aber wirklich die Ausnahme; ansonsten ist es so, dass wir unsere Stoffe im Dialog finden. Wir erwerben zwar gelegentlich die Rechte für Romanverfilmungen, üblicherweise entwickeln wir unsere Filme allerdings von Anfang bis Ende selbst. Wir machen auch kaum Filme über wahre Begebenheiten, damit wir alle rechtlichen Auseinandersetzungen im Vorhinein vermeiden können. Ich habe keine Lust mit Anwälten Drehbücher zu schreiben; viel lieber entwickle ich fiktive Geschichten zusammen mit Drehbuchautoren und Regisseuren. Manchmal wird es dann bei der Umsetzung unserer Ideen schwierig, denn die deutschen Regisseure sind kein einfacher Menschenschlag, doch auch diese Hindernisse lassen sich überwinden.

 

4 X Filme im Kino: Marken, Marketing und Marktforschung 

Marken und ihre Bekanntheit haben seit langem einen wichtigen Stellenwert im Filmgeschäft, wobei dieser sich im Zeitablauf stark verändert hat. Das gewachsene Studiosystem und der daraus hervorgegangene Bekanntheitsgrad vieler Firmen waren lange sehr wichtig für die Wiedererkennung beim Kinogänger: Fox-Filme haben sich durch ihre bestechenden Farben, Warner-Filme durch ihren exzellenten Ton ausgezeichnet. Diese Gütesiegel der vergangenen Jahre gibt es heutzutage nicht mehr. Mittlerweile ist der Garant für gute Filme das amerikanische Starsystem geworden, das nach demselben Prinzip der Qualitätsgarantie funktioniert. Der Zuschauer will den neuen Tom Cruise-Film sehen; der Star Tom Cruise hat das Studio als Marke abgelöst. Bei Fortsetzungen wirkt ein ähnlicher Mechanismus, bei einem neuen JAMES BOND sollen Erwartungen erfüllt werden, und da dies bei BOND-Filmen der Fall ist, rentiert sich ein neuer Film dieser Reihe in den allermeisten Fällen.

Unser Anliegen ist es, dass der Kinobesucher weiß, dass X Filme einen gewissen inhaltlichen Standard garantieren. Wir haben uns daher auch viele Gedanken über ein mögliches Markenzeichen gemacht; auf jedem unserer Plakate soll zu erkennen sein, dass dies einer unserer Filme ist. Dementsprechend ist auf dem MEIN FÜHRER-Plakat ein großes X, die schöne Frau und «unser» Adolf Hitler, also Helge Schneider. Daraus soll der Rezipient den Unique Selling Point dieses Films intuitiv ableiten können. Das X-Logo haben Tykwer und ich über Nacht gebastelt, weil wir für den ersten Film des X Verleihs ein eigenes Logo benötigten. Unsere Filmemacher schauen trotzdem oft, ob das Warner-Logo am Anfang des Filmes eingeschnitten wird, denn X Filme hat mit Warner eine Partnerschaft – scheinbar ist für den Einen oder Anderen Kino erst mit dem Warner-Gütesiegel «richtiges» Kino!

Die Trailer im Fernsehen und die Filmwerbung im Kino sind heute die wichtigsten Marketing-Instrumente, um die Bekanntheit eines Films zu steigern. Die Menschen haben sich darauf eingestellt, in wenigen Sekunden aus den bewegten Bildern der Fernsehwerbung auf die Qualität des Films zu schließen und sich dann eine Meinung zu bilden. Wir alle sind mittlerweile ziemlich darin geübt, schnell zu verstehen, schnell zu analysieren und dann zu entscheiden, ob uns etwas gefällt. Die Kooperationen mit großen Unternehmen haben auch aus diesem Grund enorm zugenommen, die Platzierung von bestimmten Produkten in Kinofilmen bzw. die Werbung des neuen BOND-Darstellers für eine Automarke sind mittlerweile Usus. Dabei sind den Filmproduzenten die Einnahmen aus diesen Gemeinschaftsprojekten nicht annähernd so wichtig wie die Aufmerksamkeit, welche durch die Zusammenarbeit generiert wird. Ein Zuschauer sieht den neuen BOND-Darsteller im BMW fahren, ist mit beiden Marken vertraut und schließt von der Qualitätsmeinung des einen Produkts direkt auf die des anderen Produkts. Das ist von großem Vorteil für beide Seiten, solange es ein symmetrisches Verhältnis ist.

Für die Werbung unserer Filme ist das natürlich nicht so einfach. Jeder neue Film, den wir produzieren, gleicht einer Markeneinführung. Wir haben maximal vier Wochen Zeit, um unsere neue Marke im Handel einzuführen und zu festigen. Anschließend haben wir die ersten drei Wochen nach dem Filmstart, um die Marke auszuwerten. Ich beneide Nivea – seit mehr als 50 Jahren wird diese Creme (und inzwischen alle möglichen anderen Kosmetikartikel mit demselben Namen) auf die gleiche Weise vertrieben. Die Marke hat einen enorm hohen Bekanntheitsgrad, und jeder weiß, was er bekommt. Es wäre ein unglaublicher Erfolg, wenn unsere Konsumenten in gleicher Weise verstünden, dass unsere gesamte Produktpalette unter der Dachmarke X Filme auch für einen gleichbleibenden Qualitätsstandard bürgt. Wir könnten dann unser Angebot erweitern und preiswertere und kleinere Filme machen und die unter der Obhut dieser Dachmarke vermarkten.

Sicherlich ist auch die Mundpropaganda ein wichtiges Kriterium für den Erfolg eines Films. Unsere Erfahrungen haben aber gezeigt, dass erst ab der dritten Woche nach dem Filmstart die Auswirkungen an der Kinokasse zu spüren sind, ob positiver oder negativer Art. Bis dahin haben wir nur die üblichen Instrumente der Filmbranche zur Verfügung. Testvorführungen sind ein probates Mittel, um ein Zielpublikum zu bestimmen und um herauszufinden, ob der Film rund ist oder doch noch einen Feinschliff benötigt. In München und in London gibt es Unternehmen für solche Aufgaben. Die führen diese Screenings dann durch und beraten uns. Meist sitze ich mit dem Regisseur in diesen Testvorführungen. Wir spüren aus dem Bauch heraus, wo die Probleme sind. Tom Tykwers zweiten Film, WINTERSCHLÄFER, haben wir getestet und sind aus dem Kino direkt mit der Rolle zum Schneideraum gefahren und haben 38 Minuten rausgeschnitten. Der Film hatte dann immer noch zwei Stunden, aber die offensichtlich problematischen Szenen haben wir gekürzt. Damals gab es noch keine digitale Technik, und so sind diese 38 Minuten für immer verloren.

 

5 X Filme goes home: Zur Verwertung von Filmen auf DVD 

Es wäre schön, wenn die Auswertung unserer Filme auf DVD auf Grund der Bekanntheit der Marke X Filme schon zum Selbstläufer gediehen wäre. Tatsächlich ist es aber so, dass der DVD-Markt, speziell bei großen Ketten wie Saturn und Karstadt, nach anderen Mustern strukturiert ist. Versuchen Sie mal, einen Frauenfilm auf DVD zu kaufen, um sich einen schönen Abend zu machen. Sie werden herausfinden, wie schwierig es ist, sich in den Regalreihen zurechtzufinden. Die DVD-Erscheinungen der X Filme werden systematisch in die unzugänglicheren Bereiche einsortiert. Ich würde am liebsten jeden Tag in die Media- Märkte Deutschlands gehen und unsere Filme nach vorne sortieren. Jede verkaufte DVD bringt dem Verleiher fast zwei Euro – hochgerechnet sind das immense Summen, die uns durch eine suboptimale Platzierung verloren gehen. Männerfilme, das Action-Genre besonders, haben in dieser Sortier-Manie einen zu hohen Stellenwert, obwohl das Interesse der Kunden mittlerweile viel breiter gefächert ist. Im Kinoprogramm ist das Action-Genre gar nicht mehr so stark vertreten. Trotzdem werden die immer gleichen Filme unter neuen Bezeichnungen und mit neuem Cover prominent im DVD-Sortiment postiert. In den hinteren Reihen verstecken sich dann die kleinen zarten Filmchen, unsere Filme beispielsweise, die nur durch Mundpropaganda erfolgreich sein können.

Dieser Markt spielt unfassbar viel Geld ein, man kann mit dem Verkauf von DVDs reich werden. Dennoch ist die DVD-Kultur in Deutschland noch nicht so differenziert ausgeprägt wie etwa in den USA. Es gibt, wie ich finde, eine zu geringe Wertschätzung für Unikate; ein Zustand, mit dem auch die traurige Vorliebe für Fortsetzungen eng verbunden ist, denn diese Sequels bedienen sich bewährter Muster. Die Kunden wissen bei diesen Fortsetzungsreihen ziemlich genau, was sie für ihr Geld bekommen. Für diese Sequel-Manie ist das Kino nicht mehr so wichtig, es dient nur noch der Gewinnung einer bestimmten Aufmerksamkeit, damit durch den Verkauf der DVDs das große Geld gemacht werden kann. Remakes und Sequels sind mit unseren X Filmen nicht einfach umzusetzen. Wir haben auch noch nie Remakerechte verkauft; wenn uns jemand etwas Überzeugendes angeboten hätte, wären wir aber durchaus dafür zu haben, wir haben ja nichts gegen Geld. Ich persönlich würde aber kein Remake machen, das würde mich langweilen.

Das Timing der DVD-Veröffentlichung ist eine schwierige Sache. Bei GOOD BYE, LENIN! sind wir mit einer Plattformstrategie in den Kinos gestartet, haben den Film also in wenigen ausgewählten Kinos anlaufen lassen, um dann schrittweise größer zu werden. Wir haben bis zum Kinostart 1,3 Millionen Euro für P&A ausgegeben. Ein halbes Jahr später, nachdem wir wussten, dass es ein großer Erfolg sein wird, haben wir zum DVD-Start zusätzlich 3,8 Millionen Euro an Werbekosten veranschlagt. Dieses Geld hätten wir nehmen können, um einen neuen Film zu drehen, wenn die DVD direkt nach dem Kinostart auf den Markt gekommen wäre. Die Verleihfirmen drängen heutzutage auf eine Verkürzung der Auswertungszeiträume, d.h. zwischen Kinostart und der Herausgabe des Films auf DVD sollten kürzere Zeiten liegen. Ich halte das besonders bei Nischenprodukten für eine hervorragende Idee; die Einsparungen im Bereich des Marketings wären enorm hoch. Sicherlich müssten alle Marktteilnehmer über die unterschiedlichen Möglichkeiten verhandeln und die wirtschaftlichen Konsequenzen richtig einschätzen, denn damit wäre allen Beteiligten geholfen. Natürlich würden bei einem eventuellen Wegfall eines Sperrfensters Konsumenten vor die Entscheidung gestellt, sich möglicherweise gegen den Kinobesuch (und für die DVD) zu entscheiden, und das ist ja schließlich die Befürchtung der Kinobesitzer. Auf der anderen Seite ist es so, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung gar nicht ins Kino gehen kann. Manche können sich das einfach nicht leisten, haben Kinder, pflegen Kranke, wohnen weit vom nächsten Kino entfernt, arbeiten im Schichtbetrieb; es gibt tausend Gründe. Diesen Leuten wäre mit einer zeitnahen Veröffentlichung eines aktuellen Films auf DVD geholfen. Ich gehe gern und häufig ins Kino, da bin ich sicher nicht der Einzige. Stellt man sich aber einen Filmliebhaber vor, der mehrere Kinder und ein mittleres Einkommen hat, für den würde es sich sicher lohnen, mit der Familie einen neuen Film für 30 Euro auf DVD zu sehen, statt monatelang zu warten oder Unsummen für den gemeinsamen Kinobesuch mit der Familie zu bezahlen. Ich verstehe zwar auch das Argument, dass gerade ich als Kinoproduzent gegen solche Überlegungen Einwände haben müsste, aber man sollte nicht alle Neuerungen verdammen.

 

6 X Filme meets Hollywood: Internationale Verwertung 

Die Verwertung unserer Filme im Ausland ist eine große Herausforderung. In manchen Ländern haben Kinofilme einen besonderen Status, in manchen nicht; daher lassen sich die X Filme auf den ausländischen Märkten unterschiedlich gut verkaufen. Wir handhaben das zumeist so, dass wir dem ausländischen Verleiher sämtliche Verwertungsrechte abtreten und im Gegenzug eine Minimumgarantie erhalten. Das bedeutet, wir erhalten eine bestimmte Summe als garantierte Leistung, und sollte der Film mehr als diese Summe einspielen, dann erhalten wir weitere Auszahlungen. Zu unserem Leidwesen verstehen sich die ausländischen Verleiher nicht selten sehr gut im Handwerk der «kreativen Buchführung». So bleibt es dann zumeist bei der vorab vereinbarten Leistung, und nur in seltenen Erfolgsfällen erhalten wir Extrazahlungen. Die einzig konstante Ausnahme dieses Regelfalls sind die amerikanischen Verleiher, die zahlen sehr korrekt aus. Diesen Auszahlungen gehen jedoch sehr komplizierte Vertragsverhandlungen voraus; außerdem beinhalten diese Verträge verzwickte Konditionen, die es zu durchschauen gilt. In den meisten anderen Ländern sind die Verhandlungen einfacher – es gibt guten Wein und ein nettes Abendessen, aber hinterher auch immer Ärger. In unseren Anfangszeiten haben wir viel Lehrgeld bezahlt; dies betrifft vor allem die Möglichkeit, direkt an das ausländische Fernsehen zu verkaufen, ohne Zwischenhändler. Mittlerweile haben wir sehr gute Kontakte und kennen uns mit der Verwertung unserer Rechte im Ausland besser aus und erleben kaum noch Reinfälle.

In Bezug auf den US-Markt hatten wir gleich mit dem ersten Film – LOLA RENNT – das Glück, bei den besten Verleihern gelandet zu sein. Genau genommen waren wir bei den beiden Besten. Zuerst waren wir bei Miramax Films, hatten schon einen Termin, um den Deal perfekt zu machen und haben den Vertrag in letzter Sekunde nicht unterschrieben. Die Miramax hat sich nicht für unseren Film, sondern nur für das Talent interessiert. Das ist eine Art «Staubsaugerprinzip». Harvey Weinstein, der Gründer von Miramax Films, hätte LOLA RENNT gekauft, aber nur, um im Gegenzug Tom Tykwer unter Vertrag zu nehmen. Da ich Freunde nicht verkaufe, führte die Ablehnung der Vertragsunterzeichnung zu einer großen Auseinandersetzung. Darüber berichtet sogar Peter Biskind in einem seiner Bücher über Hollywood. 
Das Treffen mit dem zweiten potenziellen Käufer fand auf der anderen Straßenseite statt. Der Vertrag mit Sony Pictures Classics bedeutete zwar weniger Geld, aber brachte faire Konditionen mit sich. Unter der Schirmherrschaft von Sony Pictures Classics feierte LOLA RENNT dann große Erfolge in den USA.

Michael Barker, der für LOLA RENNT das Marketing übernommen hat, kennt alle Tricks und Kniffe und wurde uns von Sony für die PR-Tour in Amerika zur Seite gestellt. Beim Sundance Festival in Utah im Jahr 1999 wurde der Film zum ersten Mal der amerikanischen Öffentlichkeit vorgestellt. Zu diesem Festival kommt eine Woche lang die ganze Filmindustrie, um sich die Neuheiten und Geheimtipps anzusehen. Am ersten Tag ging ich in den Frühstücksraum unseres Hotels. Alle Medienvertreter, Regisseure und Produzenten sitzen da in diesem entlegenen Städtchen und trinken ihren ersten Kaffee und lesen Zeitung. So auch Michael Barker – nur dass der mich mit einem breiten Grinsen anschaut und mir eine ganzseitige Anzeige in der New York Times für LOLA RENNT zeigt. Ich bin kurz davor, ihn zu beleidigen und ihm unser vereinbartes Marketing-Budget nochmals zu verdeutlichen, denn eine Seite in der Times kostet definitiv mehr als das vereinbarte Budget. Zum Glück hatte ich keine Ahnung, denn es gibt eine Extraanzeigenabteilung der New York Times für Utah. Wie viele New York Times-Ausgaben werden in Utah verkauft? Ein paar hundert vielleicht, maximal tausend Stück. Jedenfalls kostet eine ganze Seite der New York Times in Utah ungefähr 1.200 Dollar. Und die ganze Industrie, alle Filmkritiker, alle Filmemacher sind eine Woche in diesem einen Dorf und Frühstücken und lesen Zeitung. Niemand konnte in dieser Zeit der LOLA RENNT -Werbung entkommen. Das ist professionelles Marketing, das nichts mit dem deutschen Budgetverwalten gemein hat. Die amerikanischen Verleiher sind äußerst geizig, kennen sich mit Filme Machen und der entsprechenden Werbung besonders gut aus, vor allem, wenn es um preiswerte Alternativen zum Kinotrailer geht.

Da das Filmgeschäft in Deutschland extrem teuer ist und viel Arbeit macht, hat sich X Filme darauf verständigt, dass wir nach Möglichkeit Produkte machen, die auch die Chance auf einen Erfolg im Ausland haben. Wir haben uns oft mit der Frage auseinandergesetzt, was den deutschen Film von allen anderen unterscheidet und versucht, uns auf diese spezifischen Eigenschaften und Stärken zu spezialisieren, so wie es uns bei GOOD BYE, LENIN! und MEIN FÜHRER gelungen ist. So werden in beiden Filmen speziell für Deutschland relevante Themen aufgegriffen, und das Produkt erlangt dadurch ein Alleinstellungsmerkmal, welches ihn von anderen Filmen abhebt. Dieser Unique Selling Point erlaubt es diesen Filmen dann auch, im internationalen Wettbewerb hervorzustechen. 
Bei GOOD BYE, LENIN! haben wir auch wieder mit Sony Pictures Classics zusammengearbeitet. Der Film hat sich durchgesetzt, obwohl niemand daran glauben wollte. Wir hatten üble Kritiken in Amerika, normalerweise bedeutet so etwas das automatische Aus für einen ausländischen Film. GOOD BYE, LENIN! wurde nämlich in den USA als Film der Kommunistenfreunde betitelt. Die New York Times brachte eine halbe Seite über unseren Film und wunderte sich, ob die Deutschen denn wirklich so verrückt seien, einen «Pro-Kommunismus»-Film zu machen. 
Nachdem der Film gut angelaufen war, wurde die tiefere Ebene unseres Werks verstanden, nämlich dass es sich um die Frage dreht, was man für seine Mutter tun würde. Ein Film über Familienzusammenhalt; eine Geschichte, die nichts mit Ostalgie zu tun hat.

Trotzdem ist für mich erschreckend, für wie wenig auslandskompatibel fast alle Einkäufer der internationalen Filmfirmen die meisten unserer Produkte halten. Es wäre gut, wenn bestimmte Rahmenbedingungen für die Verwertung geschaffen werden, damit der deutsche Film im Ausland nicht ganz untergeht und nicht alles nur noch vom englischsprachigen Markt dominiert wird. 
Zwar ist Florian Henckel von Donnersmarck der internationale Durchbruch mit seinem DAS LEBEN DER ANDEREN gelungen, und auch X Filme konnte sich mit LOLA RENNT und GOOD BYE, LENIN! international behaupten. Dennoch stellen diese Erfolge Ausnahmen dar. So hat ein Film wie ALLES AUF ZUCKER von Dani Levy selbst bei unserem befreundeten Verleiher in New York nach der Vorführung zu eisigem Schweigen geführt. Man sagte uns, dass es eine solide jüdische Komödie sei und man den Film zwar als erste jüdische Komödie aus Deutschland bewerben könne, aber Inzest würde beim amerikanischen Publikum nicht ankommen. Das war das letzte Wort der Amerikaner, und das Flugticket haben wir umsonst gebucht; die Filmverwertung wäre völlig aussichtslos, so hieß es. An solchen Beispielen kann man erkennen, dass deutsche Filme, die wir als tauglich für den internationalen Markt eingeschätzt hatten, manchmal einfach nicht zu verkaufen sind. Die vorab durchgespielten Crosschecks, ob unsere Produkte auf dem internationalen Markt bestehen können, führen nicht zwingend zum Erfolg. Manchmal steht der internationale Durchbruch auf der Kippe, und manche Filme kriegen nicht die Chance, die sie verdient hätten, ohne dass dafür gute Gründe vorliegen.

 

Internationale Co-Produktionen 

Die internationalen Erfahrungen der letzten Jahre haben uns zu neuen Projekten verholfen. Im Jahr 2002 sind wir für HEAVEN mit der Miramax in Co-Produktion gegangen und Tom Tykwer hat die Regie übernommen. GOODBYE BAFANA ist als Wettbewerbsfilm bei der Berlinale 2007 angelaufen. Eigentlich sollte dieser Film eine rein finanzielle Co-Produktion werden, und X Verleih hätte sich lediglich um die Auswertung gekümmert. Nach einigen Schwierigkeiten sind wir dann vollends eingestiegen und mein Kollege Andro Steinborn hat den Film fertig produziert.
Im Filmgeschäft müssen wir Produzenten und Regisseure grundsätzlich dahin gehen, wo die Bedingungen stimmen. Ich mag L.A. nicht besonders, doch die Weltelite des Filmgeschäfts trifft sich nun mal dort. Aber es macht nur Sinn dorthin umzuziehen, wenn man auf Englisch dreht. Daher wird X Filme Deutschland wohl nie verlassen, aber die immer strikteren Budgetbeschränkungen belasten das deutsche Filmgeschäft zusehends. Noch können wir uns mit den Bedingungen in Deutschland arrangieren, aber es ist schwierig, sich immer nur Geschichten zu überlegen, die drei Millionen Euro kosten dürfen. Es wäre dasselbe, einem Dichter Liebesgedichte mit maximal 84 Worten vorzuschreiben – vielleicht macht der das eine Weile und hat Spaß, aber irgendwann wird er es leid. Wir machen einerseits gern die kleinen Filme, bei denen man mehr Freiheiten hat. Andererseits haben wir inzwischen ein bisschen Geld verdient und fangen auch große Produktionen an, ohne vorher Förderungen zu beantragen. So haben wir es zum Beispiel auch bei MEIN FÜHRER gehandhabt: Wir sind in Vorleistung gegangen und haben uns dann um die weitere Finanzierung gekümmert, sonst wäre dieses Projekt vielleicht gar nicht zu Stande gekommen.

Ein weiteres aktuelles Großprojekt war DER MONGOLE, die Verfilmung der Geschichte des Aufstiegs des jungen Temüjin, der später zu Dschingis Khan wurde. Diese international vielfältig vertretene Co-Produktion markiert eine neue Stufe der Professionalisierung der X Filme und hat uns auch die erste Oscar-Nominierung (für den besten nicht-englischsprachigen Film) eingebracht. Projekte dieser Dimensionen (der Film hat rund 14 Millionen Dollar gekostet) haben einen großen Reiz für mich. Solche Filme sind natürlich für den internationalen Markt bestimmt; es ist schließlich auch keine deutsche Produktion der X Filme – DER MONGOLE hat in den USA weitaus mehr Geld eingespielt als in Deutschland.
Für Produzenten führen solche Projekte eher selten zu Angeboten aus Hollywood, für Darsteller und Regisseure schon eher – natürlich nur im Erfolgsfall. Einige unserer Leute haben diesen Durchbruch schon geschafft – Tom Tykwer mit LOLA RENNT ohnehin, aber auch für Franka Potente war das der Türöffner nach Hollywood, und Mennan Yapo, der Regisseur von LAUTLOS hat mit Sandra Bullock PREMONITION gedreht.

 

7 Mehr als X: Der deutsche Film heute und morgen 

Ein Film muss im Kino sein Geld wert sein. Gegenwärtig muss ein Paar 40 Euro für einen Kinobesuch einplanen. Vielleicht kostet der Eintritt nur sieben bis acht Euro, aber dann kommen noch Popcorn, die Fahrt zum Kino und gegebenenfalls ein Babysitter hinzu. Da wägt jeder ab, ob ihm der Abend dieses Geld wert ist. Dieses Argument lässt sich nicht von der Hand weisen. Ich glaube zudem, dass es eine Neuentdeckung der älteren Zielgruppen geben wird, die kein Interesse daran haben, auf irgendwelchen popcornverklebten Sitzen Platz nehmen zu müssen, die dafür aber auch in der Lage sind, ein bis zwei Euro mehr zu bezahlen. Einige solcher Kinos gibt es bereits. Dort liegt der Altersdurchschnitt deutlich höher, diese Filmtheater werden dann auch dementsprechend geführt. Man kann guten Kaffee trinken und es gibt eine Garderobe. Die Bevölkerungsentwicklung wird diesen Trend weiter beflügeln.

Ein Hauptproblem des deutschen Film ist es, dass wir keine Genres haben. Wir haben nur das Genre «Deutscher Film». Wie sollen Kinobesucher einen deutschen Film erleben, wenn den meisten unverständlich ist, dass sich auch der deutsche Film als heterogenes Kulturgut präsentiert? Fragt man Leute nach ihrem Kinobesuch, was sie sich angesehen haben, dann antworten sie mit Genres. Sie waren in einer Komödie, in einem Actionfilm, in einer Tragödie, in einem Drama – oder in einem deutschen Film. Wir sind das einzige Land, das nur ein Genre hat. Während alle anderen Länder – und besonders Frankreich – eine breite Filmkunst, eine Filmkultur haben, haben wir in Deutschland keinen ausgeprägten Sinn für Genres. Wir haben es gerade mal geschafft, den deutschen Film von 13 Prozent Marktanteil auf 25 Prozent zu bringen; fast alle anderen Filme kommen aus Amerika. Jedes Jahr gibt es Ausreißer, internationale Arthouse-Hits wie DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE, aber dabei bleibt es. Die Kulturpolitiker reden immer vom interkulturellen und internationalen Austausch, aber je mehr EU-Richtlinien es gibt, desto weniger realen Austausch gibt es. Ich kenne mich mit der französischen Filmszene gut aus – ich kenne die französische Filmsprache, in Frankreich gibt es ein vielschichtiges Verständnis der Filmkultur. Ich habe als Kind im Fernsehen die französischen Filme kennen und lieben gelernt und ein bestimmtes Gefühl für die Filmwelt mitbekommen. Heute fangen wir gerade erst an, japanische Filme zu zeigen. Eine schwierige Zeit ist das sicher für eine ausdifferenzierte deutsche Filmkultur – doch die würde ich mir wünschen.

Das Gespräch wurde im Jahr 2008 geführt.

 

© Florian Liedel /Deutsche Filmakademie